Gott ist treu!

Predigt am 1. Advent 2020 in St. Franziskus

 

Die Botschaft, die uns Gott heute ins Herz legen will am Anfang dieses neuen Kirchen-jahres, fällt in eine Zeit, die uns alle besonders herausfordert. Unsere im eigentlichen Wortsinn kranke Welt abverlangt von uns unterschiedliche Einschränkungen. Nicht wenige sind außerordentlich belastet. Außerdem fällt es uns schwer, nichts wirklich planen zu können. Wir sehen der Zukunft entgegen mit mancherlei Ungewissheiten und Unsicherheiten. Wir sehnen uns nach Beständigkeit und nach Verlässlichkeit. 

1.            Gott ist treu! 

Da ist die heutige Botschaft doch Balsam für unsere Seele! „Gott ist treu!“ So ruft der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Korinth zu – und zwar ganz am Anfang seines umfangreichen Briefes (1 Kor 1,9). Es ist für Paulus wie das Vorzeichen vor der Klammer: „Gott ist treu!“ Alles was dann kommt, steht unter dieser Zusage: „Gott ist treu!“ Vor ein paar Jahren machte ich Exerzitien. Und wenn uns der Exerzitienbegleiter den Segen gab, dann sagte er nicht die übliche Formel: „Es segne Euch der allmächtige und der gütige Gott...“, sondern er sagte immer: „Es segne Euch der allmächtige und der treue Gott…“ Das ist bei mir hängen geblieben. Das habe ich mir mitgenommen und das sage es seither auch gerne selber. Denn dass Gott treu ist, das müssen wir immer wieder hören, uns immer wieder zusprechen lassen: „Es segne Euch der allmächtige und der treue Gott…“ Wenn Gott treu ist, dann mögen die Stürme auch toben, dann kann so manches, das uns verunsichern oder ängstigen will, uns nicht umwerfen. Wenn Gott treu ist, dann darf ich mich auch in unruhigen Zeiten eingeladen wissen, gelassen zu bleiben und ruhig in dem Vertrauen: Gott schaut nicht mal gerade weg, Gott hat sich nicht vorübergehend abgemeldet, Gott hat auch nicht die Nase voll mit uns Menschen, nein: Gott ist treu! Was auch kommen mag: Er ist derselbe gestern, heute und morgen. Er ist da. Er ist nah. Er ist treu – für uns! 

2.            Die Treue Gottes – wo habe ich sie erfahren? 

Liebe Mitchristen, was der Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther da als Vorzeichen vor die Klammer setzt, diese starke Aussage und Zusage: „Gott ist treu!“, das mag gut klingen, das mag uns auch als Botschaft guttun. Aber wir alle wissen: Es reicht nicht, dass es diese gute Botschaft gibt: „Gott ist treu!“ Die Frage, an der wir nicht vorbeikommen, lautet doch: Und ich? Habe ich meinen Gott als einen treuen Gott erfahren dürfen? Oder wo bin ich von Gott enttäuscht? Wann fühlte ich mich von Gott vergessen? Oder wurde ich von Menschen, die mir viel bedeuten, verletzt durch ihre Treulosigkeit? Wo bin ich selber untreu gewesen? Sicherlich gibt es in unserem Leben auch diese schwierigen oder unguten Erfahrungen, die nicht zuletzt auch meine ganz persönliche Gottesbeziehung betreffen. Das kann sein und das darf sein... Aber ich möchte uns heute anfragen: Sind da nicht auch die anderen Erfahrungen, die mir erlauben mit dem Apostel Paulus sagen zu dürfen: „Gott ist treu“? Oder besser noch: „Mein Gott ist der für mich treue Gott“? Bitte schauen Sie doch mal auf Ihren Lebensweg und auf Ihren Glaubensweg. Sind da nicht immer wieder Hinweise, die Ihnen diese Sicht auf Gott ermöglichen: Er hat sich als der Treue erwiesen? Ich wünsche uns das allen so sehr. Entdecken wir die Spuren der Treue Gottes in unserem Leben! Diese Entdeckungsreise zu beschreiten, wäre heute am ersten Advent äußerst sinnvoll. Denn wenn wir mit einem Gott ins neue Kirchenjahr gehen, den wir als den treuen Gott ansprechen können, weil wir ihn als treuen Gott erfahren durften, dann wollen doch manche unserer Sorgen und Bedrängnisse um Vieles erträglicher werden und leichter. „Gott ist treu!“ Ist das auch das Vorzeichen vor der Klammer all unserer Lebenswegerfahrung? 

3.            Wenn/weil Gott treu ist, kann ich wachsam sein und bereit… 

Aus dem Munde Jesu steht über diesem ersten Advent die Einladung „Seid wachsam!“, wie wir im Evangelium gehört haben (Mk 13,37). Wir wissen nicht, „wann die Zeit da ist“, sagt Jesus im Blick auf das Ende der Weltzeit. Und dann erzählt er von einem reichen Mann, der auf Reisen geht, und seinen Knechten in seiner Abwesen-heit Haus und Hof anvertraut. Dem Türhüter gibt er den besonderen Auftrag, wachsam zu sein. Wir sehen uns mit diesem Evangelium am Anfang der Adventszeit als Türhüterinnen und Türhüter Gottes. Wenn Gott selbst der Hausherr ist, der auf Reisen gegangen ist, mag das ein Grund sein, warum er manchmal abwesend zu sein scheint. Aber nicht um sich abzuwenden! Ist seine Präsenz auch nicht immer greifbar für uns, so ist er doch da, dieser treue Gott. Und er hat Vertrauen in uns, dass wir sein Haus und Hof, seine Kirche, seine Gemeinde, das Reich Gottes gut verwalten. Als Türhüterinnen und Türhüter wollen wir nicht in den Schlaf der Ahnungslosen fallen und nicht in schläfrige Resignation oder Gleichgültigkeit verfallen. Wir wollen den Hahnenschrei des ersten Adventssonntags nicht überhören und wachsam sein für den, der anklopft an unserer Tür: Der da treu ist, er wendet sich mir zu, er will bei mir eintreten, um mich nicht alleine zu lassen – gerade auch in dieser unserer Zeit! 

In dieser orientierungsschwierigen Zeit sehnen wir uns nach Beständigkeit und nach Verlässlichkeit. Gott ist treu! Und um dieses treuen Gottes willen lasst uns wachsam sein und bereit, die Tür zu öffnen jedem, der uns nach dem Grund unserer Hoffnung fragt. Denn nicht nur im Advent erwarten wir den, der kommt, weil Er treu ist. Amen. 

Im Dienst des Königs

Wir feiern heute Jesus Christus als unseren König. Ist das nicht etwas antiquiert? Ist das noch zeitgemäß? Passt dieses Christusbild in eine Welt, in der so viele Machthaber ihre Macht missbrauchen, indem sie Menschen ihre Menschenwürde absprechen und sich gnadenlos über andere erheben? Oder ist dieser Christkönig der ganz „andere“ König, unter dessen Königsherrschaft die Menschen zum Dienst gerufen werden und sich so ihre gegenseitige Würde schenken? Und ist dieser ganz „andere“ König nur eine Traumfigur – oder ist er doch der wahre König – heute?

1. Der Auferstandene „muss herrschen“
Die drei Schriftlesungen, welche uns die Kirche für den heutigen Festsonntag ausgewählt hat, schlagen einen wunderbaren Bogen, wie mir scheint. Woher überhaupt die Vorstellung kommen mag, dass Christus König sei, erzählte uns die zweite Lesung. Paulus sieht in dem auferstandenen Christus einen, dessen Herrschaft ohne Ende ist. Das Wort „Herrschen“ verwendet er mehrmals nacheinander (1 Kor 15,24-28). Dieser Gedanke ist kein paulinisches Sondergut. Paulus kennt die Schriften und Paulus sieht in diesem Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, erfüllt, was allen Völkern dieser Erde zum Heil dienen soll: Dass nämlich Gott als der eigentliche und der wahre Herrscher dieser Erde erkannt wird. Nur so, sagen die biblischen Autoren, kann auf dieser von Hass, Neid, Raffgier und Ungerechtigkeit verwundeten Welt die Herrschaft des Friedens Raum gewinnen. Dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, ist für Paulus ein eindeutiges Indiz, dass in diesem Auferstandenen diese Herrschaft Gottes jetzt endlich angebrochen ist! Es liegt an uns, in Jesus Christus diesen wahren Herrscher zu erkennen. Dieser Apell gilt seiner Gemeinde in Korinth ebenso wie uns heute.

2. Der Christkönig lohnt seinen Schafen den Nächstendienst
Und diese Herrschaft dieses guten Königs, der will, dass alle Menschen in Würde, in Frieden und Freiheit leben können, woran kann man sie erkennen? Die Antwort ist uns zwar längst bekannt und vertraut, und doch ist die Antwort immer wieder überraschend: Denn dieser König erweist seine Macht in der Ohnmacht. Das will sagen: Nicht Er selber schafft dieses neue und dieses gute Königtum, sondern Er macht sich abhängig – von uns, ja Er ist angewiesen – auf uns! Das hat uns die große Weltgerichtsrede, wie wir das heutige Evangelium (Mt 25,31-46) nennen, eindrucksvoll und eindrücklich gesagt. Am Ende des Matthäusevangeliums erzählt Jesus, wie Er am Ende der Zeit wiederkommen wird in Seiner Herrlichkeit und auf dem Thron sitzen wird als König, um jetzt Bilanz zu ziehen von Seinem Königtum. Und im Unterschied zu manchen Herrschern der Gegenwart, die gerne Bilanz ziehen, indem sie ihre vermeintlichen Ruhmestaten proklamieren, stellt der Christuskönig fest, dass sein Königtum überall dort Raum gewonnen hat, wo wir den Hungrigen zu essen geben, wo wir den Durstigen zu trinken geben, wo wir die Fremden beheimaten, wo wir die Nackten und Gedemütigten bekleiden und ihnen Zuwendung schenken, wo wir die Kranken und die in ihrer Isolation Gefangenen besuchen. Überall, wo wir den Dienst am Nächsten leisten, wo wir uns im Nächstendienst verschenken, überall dort und nur dort ist Christus König! „Nehmt das Reich in Besitz“ ruft der König denen zu, die sich im Nächstendienst verzehrt haben! Ja, wir haben den Auftrag, der zugleich unsere Würde ist, Tag für Tag mitzubauen an einem Reich, das die Königsherrschaft Jesu Christi mitten in diese verwundete Welt hier und heute hineinbuchstabiert: „Was ihr einem Meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan,“ fassen die Worte Jesu die Logik dieses „anderen“ Königtums zusammen – zum Heil aller Menschen! Lassen wir uns von diesem Christkönig wieder ermutigen, wissen wir uns eingeladen, mehr und mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu werden im wahren Königtum dieser unserer Erde, wenn wir uns im vielfältigen Dienst am Nächsten engagieren.

3. Das Königtum der Hirtensorge für die Seinen
Und schließlich: In Seiner Königsliebe ist unser Gott dabei ein Gott, der nicht nur zuschaut, wie wir uns mühen. Einen wunderschönen Abschnitt aus dem Alten Testament haben wir heute als erste Lesung gehört (Ez 34,11-17), der unser Bild vom göttlichen Königtum wesentlich vervollständigt. Denn hier hat der Prophet Ezechiel uns erzählt von einem Gott, der wie ein guter Hirte sich kümmert um seine Herde. Und worin dieses Sich-Kümmern des göttlichen Hirten besteht, beschreibt Ezechiel ausdrücklich: Er führt seine Schafe auf eine Weide, auf der sie ruhen können; Er sucht die Verlorengegangenen; Die verirrten Schafe holt Er zurück; Die Verletzten verbindet Er; die Schwachen kräftigt Er; Und die Fetten und Starken behütet Er. „Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen!“, verspricht der göttliche Hirte. Ein Gott, der sich um mich sorgt, der sich um mich kümmert – wie betrachtenswert ist diese kostbare Lesung! Und sie steht am heutigen Sonntag wie das Vorzeichen vor der Klammer, würden die Mathematiker sagen. Erst wenn wir das verinnerlicht haben, dass unser Gott seine Hirtenliebe darin erweist, dass Er wie ein guter Hirte sich um jedes einzelne Schaf sorgt und kümmert, dann können wir die Botschaft aufnehmen, dass auch wir uns sorgen und kümmern sollen um den Nächsten – um Gottes willen, um Himmels willen, um des Friedensreiches willen! 
Darum ist meine abschließende Frage heute nicht: Wie kann ich mich noch mehr einsetzen im Dienst am Nächsten, um dem Königtum Jesu Christi Raum zu geben auf dieser Erde, sondern meine abschließende Frage, die ich uns mitgebe in die kommende Woche, lautet: Wie kann ich noch besser spüren, erfahren, für mich wahr-nehmen, dass mein Gott ein Gott ist, der sich hier und heute mir zuwendet wie ein guter Hirte, der sich um mich kümmert und sich um mich sorgt? Erst wenn wir diese Botschaft für uns selber realisiert haben, so bin ich überzeugt, werden wir auch Dienerinnen und Diener sein können und dürfen für das Königreich Christi heute. Amen.

Möglichkeiten

Predigt am 15.11.2020 (A/33) in St. Hedwig Kempten

Welche Möglichkeiten hat das Leben Ihnen geboten? Welche Chancen und Möglichkeiten zu meiner Lebensgestaltung habe ich bekommen durch meine Eltern, die mich ins Leben begleitet haben, durch diese Zeit, in der ich leben darf, durch diesen Ort, an dem ich zu Hause sein darf, durch die Ausbildung, die mir meinen Beruf ermöglichte, durch die Kirche, die mich lockt, in Gott Heimat zu finden... Wenn ich so nachdenke über die vielen Möglichkeiten, die mein Leben mir geboten hat, und die mir erlaubt haben, heute der zu sein, der ich bin, dann muss ich sagen: Ich bin vom Leben doch sehr begünstigt! Dieser Tage schrieb mir ein 34-jähriger aus dem Gefängnis: „Ich habe keine Familie und ich habe keine Freunde. Es gibt niemanden, der nach mir fragt. Das macht mir am meisten zu schaffen…“ Ist es etwa mein Verdienst, dass nicht auch ich in einer Zelle sitzen und so empfinden muss? Nein! Ich bin vom Leben begünstigt, ich habe viele, viele Möglichkeiten geschenkt bekommen, mein Leben zu gestalten…

 

1. Talente von Gott und für Gott – haben alle, auch die Armen

Von diesen Möglichkeiten erzählt Jesus im Gleichnis vom Himmelreich, das uns heute zur Betrachtung mit- und aufgegeben wird (Mt 25,14-30). Da bekommen verschiedene Diener von ihrem Herrn Talente anvertraut. Diese Talente haben einen Geldwert. Aber es geht im Gleichnis nicht um materielles Vermögen, es geht um genau das, was wir ja auch im deutschen Sprachgebrauch mit dem Wort Talent meinen: Ich habe meine je ganz einzigartigen Gaben und Begabungen! Jede und jeder hat eine Menge Gaben und Begabungen! Jesus geht in seinem Gleichnis davon aus, dass diese persönlichen Talente nicht verdient sind, sondern geschenkt! Gott ist es, der jeder und jedem seine ganz individuellen Fähigkeiten und Begabungen ins Leben mitgibt. Und warum beschenkt uns Gott so reich mit unseren eigenen Talenten? Eben nicht, damit wir damit nur unsere Selbstentfaltung pflegen, sondern damit wir sie auch entfalten für andere und für Gott! Weil unsere Talente von Gott kommen, letztendlich ihm gehören, darum dürfen wir mit unseren Talenten auch Gott dienen, etwas in den Augen Gottes Sinnvolles und Wertvolles damit tun. Das traut Gott uns zu! Und er wird darüber Rechenschaft von uns einfordern, erzählt das Gleichnis. 

Unserem Papst Franziskus ist es ein großes Anliegen, dass wir den heutigen Sonntag begehen als einen Welttag der Armen. Dabei sollen wir nicht nur mitleidsvoll und mildtätig an die Vielen denken, denen es materiell wesentlich schlechter geht als uns, sondern wir sollen uns bewusstmachen: Der Gott, der uns in den Evangelien entgegenkommt, hat ein besonderes Herz für die Armen! Gott wendet sich vor allem denen zu, die durch ihre Armut eingeschränkt sind in ihren Möglichkeiten, die eigenen Talente zu entfalten. In seiner jüngsten Enzyklika „Fratelli tutti“ erklärt unser Papst, warum wir wohlhabenderen Nationen den Armen ein Menschenrecht vorenthalten: Nämlich das Recht auf volle Entfaltung der eigenen Person. Wenn es aber an dem zum Leben Notwendigen fehlt, kann der Mensch die vielen Talente, die Gott in ihn hineingelegt hat, nicht oder nur sehr eingeschränkt entfalten. So sehr ich persönlich mich begünstigt weiß, so sehr sind die Armen benachteiligt. Und Schuld daran ist die große soziale Ungerechtigkeit, die wir als Christinnen und Christen mit allen Mitteln bekämpfen müssen, wenn der Weltfriede nicht höchst gefährdet sein soll. Das Geld, das wir den Armen spenden, sagt der Papst, scheint für uns eine wohltätige Gabe zu sein. In Wirklichkeit aber geben wir damit den Armen zurück, was ihnen gehört, sagt Franziskus… Und was für die materielle Unterstützung gilt, wenn wir von unserem Überfluss hergeben, das gilt umso mehr für die geistigen und geistlichen Gaben, die Gott den Armen ebenso wie uns geschenkt hat, die sie aber kaum entfalten können, weil ihnen viele Chancen des Lebens vorenthalten bleiben.

Vom Welttag der Armen wieder zurück zum Text des Evangeliums: meine Talente sind also eine Gabe, die von Gott kommt, und die ich für Gott einsetzen darf.

 

2. Entgegen aller Ängste mutig mit den Talenten wuchern

Ein Zweites, das mir auffällt: Jener Diener, der sein Geld vergraben hatte, gibt seinem Herrn als Grund dafür an, dass er Angst gehabt habe. Auch wenn Theologen sagen, dies sei nur ein Vorwand, weil jener Diener in dem überlassenen Talent wohl weniger eine Gabe gesehen, als vielmehr die Strenge seines Herrn gefürchtet habe, hätte er sich umso mehr anstrengen müssen, mit dem Talent zu wirtschaften. Jedenfalls versucht er, seine Tatenlosigkeit mit seiner Angst zu entschuldigen. Im Blick auf unsere je persönlichen gottgeschenkten Talente kennen wir dies doch alle: Wir spüren vielleicht, dass wir dies oder jenes durchaus könnten, dass in uns Gaben schlummern, die eigentlich entfaltet werden wollen, aber: Wir trauen uns nicht… Was ist das Sich-nicht-Trauen anderes als eine Angst: Ich schaffe es nicht; es könnte schiefgehen; ich bin unsicher, ob ich das hinkriege… Und dann vergraben wir lieber unser Talent. Doch Jesus sagt im Gleichnis unmissverständlich, dass dieses Vergraben eines Talentes grundverkehrt ist! Wer sein Talent vergräbt, zieht sich den Unwillen dessen zu, der mir meine Talente anvertraut hat, sagt Jesus. Sind wir also achtsam uns selbst gegenüber: Entschuldigen wir nicht mit einer Art Ängstlichkeit, dass wir vermeintlich nicht hinbekommen, was Gott uns zutraut. Nein! Sind wir vielmehr mutig! Mit unseren gottgeschenkten Talenten dürfen wir mutig umgehen! Gott braucht nicht meinen Perfektionismus, aber er braucht meinen Mut – weil ich vertrauen kann, dass es Gott selber ist, der mir so viele Talente geschenkt hat, damit ich sie für andere und auch für Gott entfalte… 

 

3. Heute schenkt Gott mir Talente – und einst deren ewige Frucht

Ein letzter Gedanke: Was im Gleichnis Jesu schließlich mit dem passiert, der sein Talent tatenlos vergraben hatte, befremdet uns. Denn der Ort äußerster Finsternis, der mit Heulen und Zähneknirschen beschrieben wird, ist ja nicht zu vergleichen mit einem Aufenthalt in der JVA, wo ich eine Zeit lang meine Strafe absitze, dann aber wieder ins alte Leben zurückkomme, sondern dieser Ort ist für die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu eindeutig ein Ort ewiger Verdammnis. Dass diese Option im Denkhorizont Jesu definitiv vorhanden ist, fällt uns schwer zu deuten. Doch hat bei näherem Hinsehen auch diese Botschaft eine frohe Seite: Wenn das ängstliche Vergraben meines gottgeschenkten Talentes Folgen hat für mein überzeitliches Leben, dann hat doch genauso mein mutiges Wirtschaften mit den mir anvertrauten Talenten auch Folgen für mein überzeitliches Leben. Sprich: Mit jedem mir anvertrauten Talent, mit dem ich heute irgendeine Frucht bringe, bringe ich eine Frucht, die bleibt für das ewige Leben! Wenn das keine Frohe Botschaft ist! Ich bekomme von Gott etwas geschenkt, und wenn ich dieses Geschenk nicht verstecke, sondern es irgendwie gestalte, dann schenkt Gott mir darin sogar ewiges Leben! Und dieses ewige Leben wird nicht irgendein Zustand eines andauernden Glücks sein, das im Himmel alle gleich empfinden, sondern in diesem ewigen Leben sind wir höchst individuell glücklich, weil jede und jeder für immer glücklich sein darf dadurch, dass sie oder er seine je eigenen Talente entfaltet… Ich für meinen Teil bin jedenfalls gespannt, ob ich im Himmel dann tanzen werde oder Orgel spielen oder predigen oder alles zusammen? Unvorstellbar! So ist der Himmel: Unvorstellbar schön! Unvorstellbar reich an meinen Talenten! Also: Nur Mut! Wuchere mit Deinen Talenten, die Gott Dir anvertraut hat, und gehe so Deinem Himmel entgegen! 

Und: Vergiss die Armen nicht! Auch sie haben gleichermaßen viele Talente, die sie aber jetzt kaum entfalten können – nicht weil sie diese vergraben, sondern weil die Armut sie vergräbt… Entdecken wir also nicht zuletzt auch unser Talent zu teilen, damit die Armen schon jetzt bekommen können, was ihnen zusteht. Auch damit bringen wir Frucht für das ewige Leben. Amen.

 

 

Das Akku aufladen

Predigt am 08.11.2020 (A/32) zu Mt 25,1-13:

Wie können wir unser Akku aufladen – gerade in der gegenwärtigen Zeit?
„Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!“ So wird plötzlich laut gerufen (Mt 25,6). Endlich! Die Ankunft des Bräutigams wurde lange und sehnsüchtig erwartet! Dieses Ereignis geschieht im Gleichnis Jesu mitten in der Nacht, also zu einer Zeit, in der die meisten Menschen schlafen. Und es ist dunkel. Um dem Bräutigam – und Jesus spricht in diesem Bild von sich selber – entgegen gehen zu können, braucht es diese Lampen. Damals brannten die Lampen mit Öl, heute würden wir eine Taschenlampe nehmen mit Batterien oder mit einem Akku. Und dann erzählt das Gleichnis, dass bei den einen das Öl nicht ausreicht, also die Akkuleistung zu schwach ist, so dass sie den Bräutigam verpassen. Die anderen haben genug Öl dabei, also das Akku ist stark genug...
Und wir? Brennen unsere Lampen, wenn Jesus am Ende der Zeit wiederkommt in Herrlichkeit? Womit können wir unser Akku immer wieder aufladen auf dem langen Weg, bis Christus wiederkommt, um sein Reich zu vollenden? Drei bescheidene Vorschläge habe ich, wie wir gerade in unserer gegenwärtig so schwierigen Zeit unser Akku laden können, damit sich am Ende unsere Sehnsucht erfüllt.
 
1. Christus entgegen gehen im Glauben
Wir können unser Akku aufladen im Glauben. Ja! Gehen wir unseren Weg Christus entgegen im Glauben. Was ist das für ein Glaube?
Natürlich, da ist zunächst mal der Glaube der Kirche, in den wir Sonntag für Sonntag einstimmen und eintauchen, wenn wir gleich wieder das Glaubensbekenntnis sprechen dürfen. Dieser Glaube, der durch die Jahrhunderte Unzählige geprägt kann, kann uns stützen und wir dürfen uns mitgetragen fühlen in diesem die Zeit überdauernden Glauben der weltumspannenden Christenheit.
Der Glaube hat aber zugleich eine sehr persönliche Dimension. Der Glaube trägt mich nicht nur, er fragt mich auch. Der Glaube ist eine ständige Anfrage: Kannst Du Dich Gott ganz anvertrauen? Jesus sagt einmal: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht in das Himmelreich.“ Ein Kind kann sich bedingungslos anvertrauen der Fürsorge seiner Eltern. Gott lädt uns ein, dass wir uns ihm bedingungslos anvertrauen. Das heißt glauben!
Und genau das ist in unserer gegenwärtigen Zeit nicht leicht. Die weltweite Pandemie berührt uns alle – wenn auch auf unterschiedliche Weise. Viele sind stark betroffen, verunsichert, verängstigt, fühlen sich einem dunklen Schicksal ausgeliefert. Wo ist Gott? Glauben heißt nicht, dass ich Gott verstehen muss. Glauben heißt nicht, dass ich erklären kann, warum es so ist, wie es ist. Nein. Aber der Glaube beginnt doch mit dem Vertrauen, dass Gott uns nicht fern ist, dass er sich nicht abwendet, dass er nicht teilnahmslos wegschaut. Der Glaube weiß, dass unser Gott kein Unheil will, dass dieser Virus mit Sicherheit keine Strafe Gottes ist. Das wäre die Perversion von dem, was Christinnen und Christen unter Glaube verstehen. Der Glaube an Gott heißt natürlich auch nicht, dass Gott jetzt unsere Probleme löst: Wir beten einfach ein bisschen, und dann ist bald alles vorüber. Oh wie klein denken wir immer wieder von Gott…
Der Glaube an Gott lädt uns ein, inmitten der Not im Vertrauen zu wachsen. Auch wenn wir betroffen sind, uns eingeschränkt fühlen, und nicht wissen können, wie es weitergeht: Gott ist da! Ihm dürfen wir uns anvertrauen, so wie wir sind. Laden wir unser Akku auf mit diesem Glauben, der uns das Vertrauen lehrt. Beobachten wir die Kinder, die sich uneingeschränkt der Fürsorge ihrer Eltern anvertrauen.
 
2. Christus entgegen gehen in der Hoffnung
Ein Zweites: Wir können unser Akku aufladen mit Hoffnung. Nicht nur der Glaube fragt uns an, auch die Hoffnung fragt uns an – vielleicht mehr denn je. Sind wir hoffnungsfroh – auch jetzt? Hoffnung meint nicht einen Zweckoptimismus, meint nicht ein verharmlosendes „Das wird schon wieder“.
Die Hoffnung hat ihren Grund im Glauben, letztlich in dem Glaubenswissen, dass Gott sogar den Tod überwunden hat im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Wir können Hoffnungsträger sein in dieser unserer Welt, weil wir Sonntag für Sonntag der Auferstehung gedenken und sie im Geheimnis des Glaubens feiern.
Eine besondere Gefahr unserer gegenwärtigen Zeit sehe ich in der Tendenz zur Hoffnungslosigkeit. Die ständigen negativen Nachrichten können Mutlosigkeit schüren, eine resignative Haltung oder eine übertriebene Angst. Sind wir achtsam, wie wir mit den Nachrichten umgehen. Oder anders gesagt:
Setzen wir den negativen Nachrichten doch bitte auch die positiven entgegen! Werden wir nicht taub für die Frohe Botschaft, die uns nicht zuletzt im Wort Gottes entgegenkommt, wenn wir zu Hause in der Schrift lesen oder wenigstens hier im Gottesdienst die gute Nachricht von einem Gott, der ein Freund des Lebens ist, offenen Herzens hören!
Ja, wir haben Grund zur Hoffnung! Erkennen wir in der gegenwärtigen Zeit unsere Aufgabe darin, Hoffnungsträger zu sein für andere, die vielen guten Nachrichten des Lebens weiterzusagen und die Gute Nachricht von einem Gott, der uns Anteil schenken will an seinem Sieg über Krankheit, Leid und Tod, nicht für uns zu behalten.
 
3. Christus entgegen gehen in der Liebe
Ein Drittes: Wir können unser Akku aufladen in der Liebe. Die Pandemie birgt nicht zuletzt die Gefahr, dass jede und jeder so sehr für sich selber sorgen will, dass wir einander aus dem Blick verlieren. Die Abstandsregelungen und die Kontaktbeschränkungen tun das ihre dazu. Wir leben tendenziell im Rückzug und kreisen um uns selber. Genau das macht es aber noch schwerer. 
Unser Grundauftrag, den wir als Christinnen und Christen haben, hilft uns ganz besonders auch in dieser Zeit, behaupte ich. Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, sagt er: „Ich habe euch ein Beispiel [der Liebe] gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich gehandelt habe.“ Oder: „Daran soll die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr einander liebt.“ Dieser Grundauftrag, in der Liebe Tag für Tag zu wachsen, will uns in der gegenwärtigen Situation phantasievoll und mutig handeln lassen. Fragen wir uns: Welche Bedürfnisse haben mein Nächster, mein Nachbar, meine Angehörigen, meine Pfarrangehörigen? Ob im Supermarkt oder am Telefon: Fragen wir nach: Wie geht es Dir? Darf ich Dir zuhören? Kann ich etwas für Dich tun? Was brauchst Du? 
Mit der Waschung der Füße hat Jesus nicht alle Probleme von seinen Jüngern abgewaschen, aber er hat ein Zeichen gesetzt: Ich wende mich Dir zu! Ich beuge mich vor Dir! Du bist mir wichtig! Ich mache mir sogar die Finger schmutzig, weil ich Deine Bedürftigkeit sehe und deshalb ein Zeichen setzen möchte… Zeichen der Liebe verschenken und dabei das eigene Akku aufladen…
 
Das heutige Gleichnis vom Himmelreich stellt mich, so oft ich es betrachte, immer wieder vor neue Fragen. Dass diejenigen, die zu wenig Öl haben für ihre Lampen, ihr Ziel verfehlen, beschäftigt mich immer wieder. Es ist der Versuch einer Antwort, den ich Ihnen heute vorlege zu Ihrer weiteren Betrachtung: Wir alle wollen Christus entgegengehen, wollen am Ende der Zeit mit seiner Ankunft das Anbrechen des Himmelreiches erleben dürfen. Dieser Zeitpunkt wird offensichtlich von vielen Menschen verschlafen werden, denn er wird mitten in der Nacht sein, sagt Jesus. Wenn wir wachsam sind für den Ruf: „Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!“, dann brauchen wir ausreichend Öl in unseren Lampen, um das letzte Stück Weg gehen zu können. Legen wir uns einen gediegenen Vorrat zu an Öl, wenn wir wachsen in Glaube, Hoffnung und Liebe! 
Der Glaube, der uns gerade auch in der gegenwärtigen Zeit das Vertrauen lehrt in Gott, 
die Hoffnung, zu der wir allen Grund haben und die uns zu Hoffnungsträgern werden lässt, 
die Liebe, die uns öffnet für die Bedürfnisse unseres Nächsten und uns phantasievoll und mutig Zeichen der Liebe verschenken lässt. 
So sind wir gut gerüstet. Und so dürfen wir gleich in der Eucharistie feiern, was wir schon so oft zu Jesus gesagt haben im „Geheimnis des Glaubens“: „…Dich preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit. Amen.“
 

Freunde

Predigt zum Fest Allerheiligen in St. Hedwig

„Ihr Freunde Gottes allzugleich“, so beginnt das Lied zur Ehre aller Heiligen, das vielen von uns vertraut ist und das wir heute gerne singen. „Ihr Freunde Gottes allzugleich, verherrlicht hoch im Himmelreich“. Die Heiligen dürfen wir uns also vorstellen als Freunde Gottes. Ist das eine schöne Vorstellung? Und wir?

1. Meine Erfahrung mit Freundschaft...

Können Sie sich erinnern: Wann hatten Sie ihren ersten Freund, ihre erste Freundin? Im Kindergarten? In der Schule? Jemanden seinen Freund oder seine Freundin nennen zu dürfen: War das für Sie eine wichtige und gute Erfahrung? Und wie hat sich das entwickelt? Haben Sie Freundschaft gepflegt? Wie? Und heute? Wer sind Ihre Freunde? Und was bedeuten sie Ihnen? Vielleicht gibt es auch schmerzliche Erfahrungen, wenn Freundschaft zerbrochen ist. Ich hoffe aber, dass Freundschaft für uns alle eine lebensbegleitende und überwiegend positive Erfahrung ist. Neben dem Beziehungsraum Eltern-Kind bzw. Kind-Eltern und dem Beziehungsraum der Partnerschaft ist ja die Freundschaft einer der drei wichtigsten Beziehungsräume, in dem wir uns zu Hause fühlen dürfen. Das Wort vom Beziehungs-Raum drückt ja treffend aus, dass diese guten gelingenden Beziehungen uns Raum bieten: Lebensraum, Wohnraum, Schutzraum, ein Raum der Entfaltung. Gegenüber dem Freund oder der Freundin brauche ich keine Maske zu tragen, ich darf sein, die oder der ich bin, ich werde absichtslos akzeptiert und geliebt, bestätigt und begleitet, wohlwollend kritisiert und motiviert, die oder der zu werden, der ich im Tiefsten bin. Stellen Sie sich Ihr Leben vor ohne Freundschaft... Ja, Freundschaft ist etwas zutiefst Kostbares! Und wir tun gut daran, unsere Freundschaften zu schätzen und zu pflegen.

2. Die Überraschung im Abendmahlssaal: Jesus lädt uns ein in den Beziehungsraum der Freundschaft mit Gott

Mitten in seinen Abschiedsreden spricht Jesus im Abendmahlssaal plötzlich von Freundschaft. Das ist überraschend in mehrfacher Hinsicht. Er spricht nicht über Freundschaft grundsätzlich, sondern er lädt seine Jünger ein in den Beziehungsraum der Freundschaft mit ihm: „Ihr seid meine Freunde!“ heißt es in diesem dreifachen Freundeswort in Joh 15, 13-15. Das ist überraschend, weil klar ist, als wer Jesus hier spricht: Nämlich als der Rabbi, der Gelehrte, der Menschensohn, der Messias. Also war die Beziehung Jesu zu seinen Jüngern unzweifelhaft festgelegt: Sie waren seine Schüler, Er ihr Lehrer und Meister. Dass nun der Lehrer und Meister seinen Schülern Freundschaft anbietet, ist nicht nur überraschend, es ist atypisch, es ist außergewöhnlich, ja ich würde sagen: Es hat etwas Provokantes. Wir dürfen dieses Wort Jesu im Abendmahlssaal „Ihr seid meine Freunde!“ aber nicht nur lesen als ein geschichtliches Wort, das damals die Jünger hörten. Es ist ein Wort, das vom Abendmahlssaal aus hineingesprochen ist in die Geschichte bis heute. Es ist ein Wort, dass Dir und mir gilt, die wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu persönlich nehmen dürfen. UNS sagt Jesus: „Ihr seid meine Freunde!“ Jede und jeder von uns ist eingeladen zu leben im Beziehungsraum der Freundschaft mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Das ist doch unerhört, finde ich. Ich glaube, wir haben das bisher kaum realisiert. Was heißt denn das, wenn Jesus mir Freund sein will? Kann ich mir eine Freundschaft mit Jesus Christus überhaupt vorstellen? Beglückt mich diese Vorstellung? Oder erschreckt sie mich? Und was könnte ich tun, um diese Freundschaft zu pflegen, wachsen zu lassen, lebendig zu halten...? Wir sind ja gewohnt, dass wir uns im Gottesdienst ansprechen lassen als Schwestern und Brüder. Selbst das ist ja schon stark: Fühlen wir uns dadurch, dass wir seit der Taufe Kinder desselben Vaters sind, tatsächlich als Geschwister, als Schwestern und Brüder? Und was halten Sie davon, wenn ich künftig Sie nicht nur anreden darf als Schwestern und Brüder, sondern wenn ich sage: Liebe Freundinnen und Freunde! Würden Sie sich dabei unwohl fühlen? Oder das als übergriffig empfinden? Oder ist es doch eine angemessene und zutreffende Anrede, wenn Jesus jeder und jedem von uns seine Freundschaft anbietet, dass auch wir uns immer wieder bewusstmachen, dass wir gemeinsam in diesem Beziehungsraum der Freundschaft mit Jesus leben dürfen? Also in diesem Sinne tatsächlich untereinander auch Freundinnen und Freunde sind? 

3. Die Heiligen als unsere Freunde – wir sind einander Freundin und Freund…: heute, morgen und in Ewigkeit

So sehr das biblisch und theologisch gesehen zutrifft, so sehr spüren wir gleichzeitig, dass wir davon noch entfernt sind. Nicht mit jeder oder jedem, die oder der sich zu den Jüngerinnen oder Jüngern Jesu bekennt, fühle ich mich in Freundschaft verbunden. Wir sind da noch auf dem Weg. Und die Heiligen? Die sind uns da ein paar Schritte voraus. „Ihr Freunde Gottes allzu gleich“, singen wir. Und was wir da singen, ist doch nicht nur schön, sondern mehr noch offenbar ein wesentliches Kriterium dessen, was Heiligkeit meint. Die Heiligen sind end-gültig eingetreten in den Beziehungsraum der Freundschaft mit Gott. Sie sind Freundinnen und Freunde Gottes. Diese Vorstellung will uns locken, will uns Freude machen, uns Mut machen. Und so verschieden die Heiligen auch waren und auf Erden oft nicht befreundet waren – wenn wir nur an Petrus und Paulus denken: Jetzt sind sie es! Der Himmel ist ein Freundschaftsraum! Ich möchte mir vorstellen, dass ich im Himmel, in den mich Gott einst aufnehmen möchte, nicht nur mit meinen Lieblingsheiligen befreundet sein darf: Mit der hl. Edith Stein, mit der hl. Hedwig, mit dem hl. Johannes Paul II. Jetzt ist unsere Beziehung zu ihnen vielleicht eher von Verehrung geprägt. Und das ist gut so. Dann wird unsere Beziehung Freundschaft sein. Und wenn unser Papst Franziskus in seiner jüngsten Enzyklika „Fratelli tutti“ uns leidenschaftlich animieren will, „soziale Freundschaft“ wachsen zu lassen, eine Freundschaft, die alle menschlichen Grenzen von Rasse, Nation, Religion, Bildungsstand und Wohlstand übersteigt und uns auf dieser globalisierten Erde in großer gegenseitiger Solidarität und gegenseitiger Mitverantwortung für das Wohl des anderen im „gemeinsamen Haus“ dieses Planeten leben lassen will, dann kommen wir mit diesem großartigen Gedanken dem Himmel näher. „Ihr Freunde Gottes allzu gleich, verherrlicht hoch im Himmelreich. Erfleht am Throne allezeit uns Gnade und Barmherzigkeit.“ Ja, diese Freunde Gottes erflehen uns die Gnade, dass wir heute beginnen, unter uns wahre Freundschaft wachsen zu lassen, damit wir so dem Himmel näherkommen. Amen.