"Ist Dekan eine Frau?"

Liebe treue Predigtleser, da ich an diesem 4. Ostersonntag (21.04.) nur eine Erstkommunion in Petersthal habe und frei predigen werde, möchte ich hier noch mein Grußwort bei der Einführung der neuen evangelischen Dekanin Dorothee Löser veröffentlichen, das ich am 14.04. in Kempten St. Mang als ACK-Vorsitzender halten durfte. Es war mir eine riesen Freude!! Beim Einzug ging ich neben einem Kollegen der orthodexen Kirche. Der fragte mich: "Ist Dekan eine Frau?" Das hat mich schon beim Einzug so heiter gestimmt, dass dann mein 3. von insgesamt 8 Grußworten auch einwenig zur Erheiterung beitragen konnte:

"Was für ein Tag, ein Tag der Freude! Es ist ein Tag der Freude für das ganze große evangelische Dekanat Kempten: Dorothee Löser beginnt ihren Dienst als neue Dekanin. Ich darf teilhaben an dieser Freude, nein, mehr noch, ich darf darauf hinweisen, dass dieser Tag ein Tag der Freude ist ebenso für das katholische Dekanat Kempten, ebenso für unsere Altkatholische Gemeinde, für unsere Neuapostolische Kirche, ebenso für unsere rumänisch- und russisch-orthodoxen Mitchristen sowie für die AlpenChurch und die freievangelischen oder evangelikalen Gemeinschaften

Ja, der Apostel Paulus hat recht, wenn er formuliert: „Wenn ein Glied sich freut, dann freuen sich alle Glieder mit!“ Darum ist heute ein Tag der Freude für uns alle in unserer ACK, in unserer Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Kempten! 

In deren Namen darf ich Sie, liebe Frau Dekanin Löser, aufs herzlichste willkommen heißen

Die Frage, ob die Ökumene Ihnen hoffentlich auch ein Anliegen ist, stellt sich mir nicht. Natürlich sind Sie überzeugt davon, dass ein gutes ökumenisches Miteinander unseren verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften viele neue Chancen und Möglichkeiten eröffnet. Alles, was wir gemeinsam tun können, hat immer einen Mehrwert! Wir freuen uns sehr darauf, eng mit Ihnen zusammenarbeiten zu dürfen, wir freuen uns auf Ihre Ideen und Impulse, auf Ihre Talente und Gaben, auf Ihre Persönlichkeit! 

In 12 Wochen wird unsere ACK hier auf dem St. Mang Platz ihr 10-jähriges Bestehen feiern. Wir haben so manches zusammen gemacht: die Menschenkette von St. Mang nach St. Lorenz 2017 oder so manche großen Gottesdienste, mit denen wir Zeichen gesetzt haben, dass die frohe Botschaft von der Menschenliebe Gottes, wie sie uns in Jesus Christus aufleuchtet, für viele Menschen unserer Stadt und Region eine inspirierende Lebenskraft ist! 

Und dann ist etwas passiert: Unter uns sind in den letzten 10 Jahren echte Freundschaften gewachsen. Das ist nicht nur nett und schön, ich denke, das ist auch ein Geschenk Gottes, ich nehme es wahr als ein Qualitätsmerkmal unseres Zusammen-Wirken-Dürfens! Diese ökumenische Freundschaft bieten wir Ihnen von Herzen an! 

Und so wünsche ich Ihnen, dass Sie und Ringo (Anmerkung: so heißt ihr Hund) sich bald wohlfühlen hier in Kempten. Wenn Sie abends mal müde sind oder vielleicht auch mal frustriert, dann segne Gott Ihren Schlaf! Tagsüber brauchen wir den Segen Gottes ja nicht so sehr, denn da haben wir das meiste selber im Griff. Aber die Nacht ist die Zeit des Loslassens, und da brauchen wir den Segen Gottes! Wenn sie dann am Morgen aufwachen, dann dürfen sie sich freuen: Sie leben im Allgäu, in einer der schönsten Landschaften dieser Erde. Sie leben in Kempten, in der schönsten Stadt des Allgäus (manche lachen... - warum??) und aus Ihrem Fenster sehen Sie den St.-Mang-Platz - ja wie schön ist das denn! Und dann denken Sie an viele so wertvolle Menschen über den eigenen Kirchturm hinaus, denken vielleicht auch an mich… Und dann ist alles gut...! (einige lachen wieder...) Schön, dass Sie da sind! (Es folgte unsere erste und sicherlich nicht letzte Umarmung...)

Ihm begegnen

Predigt am 14.04.2024 in Maria Rain

Hängt nicht unser ganzer Christus-Glaube an der Frage, ob dieser Jesus wirklich auferstanden ist und ob wir selber dem Auferstandenen begegnet sind? Aber bitte: Wie können und sollen wir denn dem Auferstandenen begegnen? Lesen und betrachten wir die Osterevangelien ganz genau, dann können wir da einige Hinweise finden. So auch im heutigen Abschnitt aus dem Lukasevangelium (Lk 24, 35-48). 
 
1. Hinweis auf den Auferstandenen: Das Brotbrechen 
Zuerst hatten wir gehört, wie die Emmaus-Jünger zurückkommen und den anderen Jüngern ihr Ostererlebnis erzählen, ihre persönliche Begegnung mit Jesus, dem Auferstandenen. Und die war eine Begegnung beim Brotbrechen. Da erkannten sie: Es ist der Herr! Jede Feier der Eucharistie, also immer dann, wenn Christus uns das eucharistische Brot bricht, ist eine Einladung, ihn als den lebendig Gegenwärtigen, als den für uns Auferstandenen zu glauben, zu schauen und zu verkosten. Erster Hinweis: Das Brotbrechen. 
 
2. Hinweis: Der Friede 
Die Jünger hatten nach dem Geschehen auf Golgota große innere Angst und große innere Verzweiflung und großen inneren Unfrieden. Jedes Mal, wenn der Auferstandene auf seine Jünger zukommt, grüßt er sie mit den Worten: “Der Friede sei mit Euch!” Das wiederholen die Evangelien immer wieder! Der Wunsch nach Frieden, nach innerer Zufriednheit, nach einem Frieden mit den anderen, mit der Welt, mit sich selber und mit Gott, kennzeichnet den Herzenswunsch des Auferstandenen. Überall wo wir Frieden spüren, wo wir mit uns oder mit anderen im Einklang sind, wo wir mitten in unserer friedlosen Welt merken, dass wir hier und heute Werkzeug des Friedens sein können und dürfen, ist der Auferstandene lebendig gegenwärtig. Zweiter Hinweis: Die Sehnsucht nach Frieden. 
 
3. Hinweis: Schauen und berühren
Und dann tut Jesus alles, um seinen Jüngern klarzumachen, dass er nicht etwa ein Geist ist oder noch weniger eine fromme Fiktion. Er ist als der Auferstandene leibhaft gegenwärtig – wenn auch mit einem anderen Leib, mit einem verklärten Osterleib. Um das zu verdeutlichen, lädt Jesus ausdrücklich ein: “Seht meine Hände und meine Füße an” – mit den verklärten Wundmalen von der Kreuzigung! Wenn wir andere Menschen anschauen mit ihren vielen Wunden, die sie an ihrem Leib oder an ihrer Seele mit sich tragen, dann können wir in diesen Menschen den Auferstandenen schauen! Und dann ergänzt Jesus: “Fasst mich doch an!” Der Auferstandene ist also ein Auferstandener zum Anfassen! “Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan”, hatte Jesus gesagt. “Wenn ihr einen meiner geringsten Schwestern und Brüder berührt – und zwar in ihrem Leid, in ihrem Schmerz, oder auch in ihrer Freude und Begeisterung, dann könnt ihr mich berühren”, darf ich dieses Jesus, den Auferstandenen, übersetzen. Dritter Hinweis: Schauen und Berühren! 
 
4. Hinweis: Essen 
Jesus setzt noch eins drauf. Um die erstaunten Jünger ganz davon zu überzeugen, dass er es ist, der Auferstandene, isst er vor ihren Augen. Die Nahrungsaufnahme ist etwas zu tiefst Menschliches. Und so sollen die Jünger erkennen, dass Jesus nach seiner Auferstehung fähig ist, zu essen, ja vielleicht sogar bedürftig ist wie wir, Nahrung zu sich zu nehmen. Er, der Gekreuzigte, er isst wieder! Er muss also quicklebendig sein, er hat den Tod überwunden, er liebt mitten unter uns! Vierter Hinweis: Wenn wir gemeinsam Mahl halten, können wir den Auferstandenen in unserer Mitte erfahren. 
 
5. Hinweis: Die Schrift deuten 
Und noch einen letzten Hinweis finden wir im heutigen Evangelium: Jesus öffnet seinen Jüngern schließlich ihren Sinn für das Verständnis der Schrift! Was die Texte in unserer Bibel für uns bedeuten, das erschließt sich uns oft nicht sofort. Aber bleiben wir dran! Wir sollten unbedingt uns interessieren und uns mühen um ein gutes Verständnis der Schrift. “Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen,” hatte der hl. Hieronymus formuliert. Wenn wir uns mit der heiligen Schrift befassen und wenn wir versuchen, den Sinn der Schrift zu erfassen bzw. die biblischen Worte für unser eigenes Leben gut zu deuten, dann lebt der Auferstandene in uns! Fünfter Hinweis: Die Schrift deuten! 
 
Ja, die Osterbotschaft ist voller Hinweise, wie wir heute den Auferstandenen unter uns erfahren können und dürfen als den lebendig Gegenwärtigen! Er will sich uns zeigen 1. beim Brechen des Brotes, 2. in unserer Sehnsucht nach Frieden, 3. im Anschauen und Berühren der bedürftigen Schwestern und Brüder, 4. in der Mahlgemeinschaft und 5. im rechten Umgang mit der heiligen Schrift. Wir haben also gute Möglichkeiten, in unserem Osterglauben zu wachsen. Denn dieser Osterglaube ist ja nicht nur ein Glaube, der uns selber gut tut. Die Welt braucht diesen Osterglauben ganz dringend! Und darum schließt das Evangelium heute mit den Worten, die auch uns gesagt sind: Ihr seid Zeugen dafür! Amen. 

An-reden

Predigt am 2. Ostersonntag, 07.04.24, in Petersthal
 

Ich kann jemanden anreden mit „Hallo“ oder „Hey“ oder „Grüß Gott“, ich kann jemanden anreden mit seinem Vornamen oder seinem Kosenamen oder mit seinem Familiennamen oder sogar mit seinem Titel… Wie ich jemanden anrede, das sagt viel aus über meine Beziehung zu dieser Person bzw. darüber, wie nah mir dieser Mensch steht und was sie oder er für mich bedeutet… 

 

1. Namen, die unsere Beziehung zu Jesus ausdrücken 

Das Neue Testament ist voll mit Anreden, welche die Menschen diesem Jesus gegeben haben. Alle Anreden drücken etwas aus von dem, was die Menschen über Jesus gedacht haben, wie sie ihn erlebt haben, wie sie ihn geglaubt haben. Solche Anreden sind z.B.: Herr, Bruder, Menschensohn, Messias, Rabbi, Bräutigam, Sohn des Höchsten, Sohn Gottes, Retter, Freund der Menschen, Friedensfürst, Sohn Davids. Im Neuen Testament finden wir über 50 Anreden für Jesus. Jede enthält eine Botschaft, eine Aussage, eine Erfahrung, ein Zeugnis… 

 

2. Der Osterglaube des Thomas in der Anrede „Mein Herr und mein Gott“ 

Eine der – wie ich finde – schönsten Anreden Jesu hören wir an diesem zweiten Ostersonntag (Joh 20,19-31). Am Ostertag hatte der Apostel Thomas im Kreis der Jünger gefehlt. Acht Tage später, also heute, begegnet er zum ersten Mal Jesus nach seiner Auferstehung. Thomas ist skeptisch, er will nicht nur nachdenken, nicht nur eine Botschaft hören, er will mit Jesus mit seinen Händen anfassen. Und Jesus, der Auferstandene, lässt sich von seinem Freund Thomas berühren. Thomas ist überwältigt, er kann es nicht fassen, tatsächlich: Jesus ist auferstanden! Jesus lebt! Diese innerste Überzeugung bringt Thomas zum Ausdruck in dieser Anrede Jesu: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28). Diese Anrede „Mein Herr und mein Gott“ ist zugleich ein dichtes Glaubensbekenntnis! Wenn Thomas seinen Freund Jesus jetzt so anredet „Mein Herr und mein Gott“, dann wird diese Anrede seine weitere Beziehung zu Jesus geprägt und gestärkt haben… 

 

3. Meine Jesus-Anrede prägt und stärkt meinen (Oster-)Glauben… 

Und ich? Wie rede ich Jesus an? Ist es eine der vielen biblischen Anreden, die ich gewöhnlich verwende, wenn ich mit Jesus rede? Oder hat Jesus bei mir eine Art Kosenamen, der meine ganz persönliche vertraute Beziehung zu Jesus ausdrückt? Ich denke, wir dürfen heute dem Apostel Thomas dankbar sein. Seine Jesus-Anrede „Mein Herr und mein Gott“ könnte auch für mich geeignet sein, diesen Jesus, den Auferstandenen, anzureden. Wie auch immer: Machen ich mir bewusst, welche Jesus-Anrede für mich am besten zum Ausdruck bringt, was ich gegenüber Jesus ausdrücken möchte. Meine ganz persönliche Anrede will meine Beziehung zu Jesus, meinen Glauben prägen und stärken. Für Thomas war dies der Ausdruck seines Osterglaubens, wenn er Jesus anreden konnte: „Mein Herr und mein Gott“. Amen. 

Hoffnungsfrohe         Ostern

Ostern in Maria Rain, Unterjoch und Wertach
 

Liebe Schwestern und Brüder, 

wir hoffen auf gutes Wetter oder wir hoffen auf den Sieg der Nationalmannschaft. Wir hoffen, dass der Krieg zu Ende geht, dass wir den Klimawandel überwinden und den Welthunger. Wir hoffen, dass wir von Terroranschlägen verschont bleiben. Wir hoffen, dass wir einen Streit mit unseren Lieben überwinden, Konflikte lösen und Krisen meistern können. Wir hoffen, dass wir gesund bleiben oder werden. Wir hoffen… 

Sind all diese Hoffnungen nicht nur Schönfärberei? Sind solche Hoffnungen nicht der Versuch, der Tragik und dem Drama unseres Lebens irgendwie ausweichen zu können? Ist nicht vieles einfach nur trostlos und aussichtslos? Zugespitzt formuliert: Ist die ehrlichste Antwort auf all die Finsternisse unseres Lebens letzten Endes der Suizid? Oder haben wir trotz allem immer einen Grund zur Hoffnung? 

 

Genau das ist die Frage, die mich an diesem Osterfest bewegt: Haben wir Chrstinnen und Christen immer und in allen Lebenslagen einen Grund zur Hoffnung? Haben wir Christinnen und Christen etwas, was andere nicht haben? Das frage ich nicht, um uns über andere zu überheben, sondern das frage ich, weil ich nachspüren möchte, ob Ostern nur ein nettes Fest ist, das relativ wenig Auswirkungen hat auf unser Leben, oder ob Ostern vielleicht doch ein Glaubensereignis ist, das auf unser ganzes Leben eine verändernde Kraft ausüben will…? 

Der Jubel des Palmsonntags machte deutlich, dass viele auf diesen Jesus ihre Hoffnung setzten. Am Gründonnerstagabend erfuhren seine Jünger Zweifel und Angst. Am Karfreitag zerbrach jede Hoffnung im Todesschrei des Gekreuzigten. Am Karsamstag nahm Jesus all unsere Hoffnungslosigkeit mit hinein in der Reich des Todes… 

 

„Wir aber hatten gehofft…“, sagen dann am Ostertag die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus zu einem, den sie zunächst nicht erkannten. Erst als sie ihn dann erkennen beim Brechen des Brotes, da gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen in ihm den, der von den Toten auferstanden ist. Sie erkennen in ihm nach all dem Dunkel der Hoffnungslosigkeit ein neues Licht: Der Auferstandene hüllt alle Fragen und Ängste, Nöte und Schmerzen in ein neues Hoffnungslicht! 

„O Christ, nun feste Hoffnung hab, auch du wirst gehen aus deinem Grab“, singen wir im Osterlied. Und: „Wir schauen auf zu Jesus Christ, zu ihm, der unsre Hoffnung ist.“ Wir dürfen dem Auferstehungswunder vertrauen, weil Jesus alle Hoffnungslosigkeit mitgenommen hat hinein in seinen Tod – um uns kraft seiner Auferstehung ein hoffnungsvolles Leben zu ermöglichen. Ja! Ich spüre deutlicher als je zuvor: Wenn es einen Grund gibt für unsere Hoffnung, dann ist es die Auferstehung unseres Herrn! So wünsche ich uns allen von Herzen ein hoffnungsfrohes Osterfest! Amen. 

Hoffnungsschimmer

Karfreitag in Mittelberg
 

In drei Tagen werde ich behaupten, dass wir immer und in allen noch so hoffnungslos erscheinenden Lebenslagen einen Grund zur Hoffnung haben – und zwar aufgrund der Auferstehung Jesu. Aber wie ist eine solche Behauptung mit dem Karfreitag vereinbar? Gibt es nicht genug Situationen, in denen uns jeder Hoffnungsschimmer genommen wird? 

 

Jesus hatte gehofft, dass die Menschen seinen leidenschaftlichen Appell, in allem dem Reich Gottes zu dienen, annehmen werden. Letztendlich hat er dafür Ablehnung und Hass geerntet. Kein Hoffnungsschimmer. 

Petrus hatte gehofft nach der Ankündigung des Leidens und Sterbens Jesu, dass seinem Meister dieser bittere Weg erspart bliebe. Kein Hoffnungsschimmer. 

Judas hatte gehofft, dass er mit seinem Verrat zu Recht kommen werde, aber er nahm sich den Strick. Kein Hoffnungsschimmer. 

Pilatus hatte gehofft, dass das Volk dem Barrabas den Verbrechertod wünschte, Jesus aber die Freiheit. Nein. Das „Kreuzige ihn!“ galt Jesus! Kein Hoffnungsschimmer. 

Maria hatte ihren Sohn auf dem Kreuzweg begleitet und unter dem Kreuz ausgeharrt bis zu seinem letzten Atemzug. Was war in ihrem Mutterherzen? Kein Hoffnungsschimmer. 

Und wenn der Gekreuzigte sterbend betet zu seinem Vater: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, dann erschrecken wir und spüren: Selbst Jesus wird in seinem Tod der letzten Hoffnung beraubt. Kein Hoffnungsschimmer. 

Josef von Arimathäa konnte nur noch den Leichnam vom Kreuz abnehmen und in ein Felsengrab legen: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Kein Hoffnungsschimmer. 

Die Frauen, die dann am dritten Tag in aller Frühe zum Grab gingen, wollten nichts anderes, als den Toten salben und ihm so einen letzten Liebesdienst erweisen. Bis dahin kein Hoffnungsschimmer. 

Die Emmaus-Jünger waren unterwegs in ihr Heimatdorf – niedergedrückt von dem Schrecklichen, was mit ihrem Meister passiert war. In ihrer Ratlosigkeit und ihrer Depression hatten sie bis dahin keinen Hoffnungsschimmer. 

 

Die ganze Leidensgeschichte Jesu, die uns so detailliert überliefert ist und die seit fast 2000 Jahren unzählige Menschen immer wieder betrachten, diese ganze Leidensgeschichte ist eine Geschichte der geplatzten Hoffnungen. Wir kennen das: Manchmal ist es nicht gut bestellt um unsere Hoffnung. Aber ein kleiner Hoffnungsschimmer, der bleibt uns doch noch…! Was ist, wenn uns auch dieser letzte Hoffnungsschimmer genommen wird? 

 

Der Karsamstag, der Tag der Grabesruhe, ist für viele von uns gefühlt ein Tag der Vorbereitung auf das Osterfest, von dem wir genau wissen, dass es nach dem Karfreitag kommen wird. Aber all die Menschen, die damals den Karfreitag erlebten, konnten das nicht nur nicht wissen, sondern damit auch überhaupt nicht rechnen. Die Hoffnung, dass Jesus ihr König sein werde, ihr Retter und Heiland, ihr Messias und Erlöser – diese Hoffnung war mit seinem Todesschrei am Kreuz restlos zu Ende. Was übrig blieb, war kein Hoffnungsschimmer. 

 

Der Karsamstag wird im Credo der Kirche ja so ausgedrückt: „Wir glauben an Jesus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ Jesus hat nicht nur geschlafen im Grab oder sich ausgeruht. Sein Tod und sein Begrabenwerden waren kein Fake. Nein, er war mausetot. Er ist wirklich hinabgestiegen in das Reich des Todes. Und ich stelle mir vor, dass mit Jesus in dieses Reich des Todes hinabgestiegen ist all unsere Hoffnungslosigkeit. Denn wenn uns der letzten Hoffnungsschimmer ausgeht, dann sind wir ohne Leben – wie im Reich des Todes… 

 

Wir begehen den Karfreitag und wir können versuchen, uns mit all der Hoffnungslosigkeit zu solidarisieren, welche Jesus und all die Personen an seiner Leidensgeschichte durchlitten haben. Und doch geht es uns anders. Wir begehen den Karfreitag in dem Wissen, was wir in drei Tagen feiern dürfen. Darum ist der Karfreitag mit der erdrückenden Wucht seiner Hoffnungslosigkeit für uns nicht dasselbe, wie der Karfreitag damals. Darum steckt in jedem „Karfreitag“ unseres Lebens, in jedem Leid und in jeder Last, die uns die Hoffnung rauben will, doch immer noch dies: Ein letzter Hoffnungsschimmer. Amen

Mahl der Hoffnung

Predigt am Gründonnerstag in Mittelberg

An Krisen und Konflikten mangelt es nicht, ob in der Welt oder in der Kirche. Vielleicht gibt es auch in Ihrem persönlichen Leben Krisen und Konflikte. Nicht wenige Menschen tragen schwer daran. Das ist für mich Anlass, dass ich in diesem österlichen Triduum Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern mit Ihnen nachdenken möchte über den Grund unserer Hoffnung. 
 
Wir hoffen auf gutes Wetter oder wir hoffen auf den Sieg der Nationalmannschaft. Wir hoffen, dass der Krieg zu Ende geht, dass wir den Klimawandel überwinden und den Welthunger. Wir hoffen, dass wir einen Streit mit unseren Lieben überwinden, Konflikte lösen und Krisen meistern können. Wir hoffen, dass wir gesund bleiben oder werden. Wir hoffen… 
 
Welche Hoffnungen hatten Jesus erfüllt an diesem Abend? 
Jesus hatte gehofft, dass bei dem, was nun bevorstand, seine Jünger sich erinnern werden an seine Vorhersage, dass er leiden und sterben und auferstehen werde. 
Jesus hatte gehofft, dass die Jünger spürten, dass dieses Paschamahl, zu dem sie nun versammelt waren, nicht nur ein Paschamahl war, wie sie es jedes Jahr gefeiert hatten. Er hatte gehofft, dass die Jünger begriffen, was er ihnen bei diesem Paschamahl sagen und auf ihren Weg mitgeben wollte: „Das ist mein Leib für euch… - Das ist mein Blut für euch…“. 
Jesus hatte gehofft, dass seine Jünger die vorausgehende Geste der Fußwaschung verstehen und als Vermächtnis bewahren werden: Er, der Meister, schenkt in diesem Sklavendienst seinen Jüngern ein Zeichen radikaler dienender Liebe und deutet: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Jesus hatte gehofft, dass diese dienende Liebe die Gemeinschaft seiner späteren Jüngerinnen und Jünger, die Gemeinschaft der Kirche, prägen werde. 
Jesus hatte gehofft, dass die Jünger sich zu Herzen nehmen seine eindringlichen Worte, die er nach dem Abendmahl gesprochen hatte und die Johannes uns in ganzen fünf Kapiteln seines Evangeliums überliefert hat. 
Jesus hatte gehofft, dass er dann das Gebet am Ölberg, seine Todesangst, seine Gefangennahme, das Verhör und die Verurteilung, die qualvolle Geißelung und den grausamen Tod am Kreuz für das Heil der Welt überstehen und bis zu Ende ausleiden werde. Ja, all das hatte Jesus gehofft… 
 
Jesus war ja als Helfer und Heiland der Menschen all die Jahre hindurch kein Zauberer, er hatte keine Tricks, mit denen er den Menschen helfen konnte. Bei jedem einzelnen Wunder musste Jesus hoffen, dass der Vater im Himmel ihm die Kraft und die Vollmacht gibt, das zu tun, was er tun wollte. Er hatte gehofft, dass der Vater verherrlicht werde durch all die Zeichen, die er tat. 
 
Jesus war ein Mann der Hoffnung! An diesem Abend, den zu feiern wir uns jetzt versammelt haben, verdichtet sich diese Hoffnung Jesu. Einige seiner Hoffnungen habe ich ja schon angesprochen. 
 
Die größte Hoffnungsgeschichte, die Jesus in Gang gesetzt hat, ist die des Mahles, das ich als Hoffnungsmahl bezeichnen möchte. Drei Evangelisten und der Apostel Paulus überliefern uns in übereinstimmender Weise, was Jesus bei diesem Abendmahl gesagt und wie er damit dieses Mahl gedeutet hat. Er reichte seinen Jüngern in Brot und Wein seinen Leib und sein Blut. Dieser Leib, der für uns hingegeben wird, und dieses Blut, das für uns vergossen wird, soll die Menschen aller Zeiten erinnern an die größte aller Hoffnungen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“ Das ist die Quelle unserer Hoffnung! Und Jesus sagt ausdrücklich: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“, tut dies immer wieder und schöpft immer wieder Hoffnung daraus, die Hoffnung, die ihr braucht in all den Krisen und Konflikten und Katastrophen eures Lebens… 
 
Was kann mir Hoffnung geben, wenn ich mit Jesus Mahl halten darf, wenn ich mit Jesus Eucharistie feiern darf? 
Hoffnung gibt mir die Schlichtheit des Zeichens: Das kleine Stück Brot, in dem sich der große Gott mir schenkt. 
Hoffnung gibt mir die Zusage seiner Gegenwart: Er ist es, der sich im Brot an mich verschenkt – als eine Hoffnungsspeise. 
Hoffnung gibt mir die ständige Einladung: Nicht nur in einer Erstkommunion, sondern immer und immer wieder darf ich sein Gast sein und ihn empfangen. 
Hoffnung gibt mir der Ausblick auf den Himmel: Wenn wir seinen Auftrag erfüllen und in der Eucharistie dieses Mahl zum Gedächtnis seines Todes und seiner Auferstehung feiern dürfen, dann gehen wir heute schon dem himmlischen Hochzeitsmahl entgegen. 
 
Jesus ist ein Mann der Hoffnung. Er lädt uns an diesem Abend vor seinem Leiden und Sterben ein zu einem Mahl, das wir immer wieder als Hoffnungsmahl  feiern dürfen. Sind wir dankbar und hoffnungsvoll, dass die Kirche uns den Tisch der Eucharistie immer wieder deckt und dass wir hier hinzutreten dürfen, um in uns die Hoffnung zu stärken, die Hoffnung auf ein Leben, das alle Hoffnungslosigkeit überwindet und das unsere Hoffnung erfüllen wird – in ihm. Amen. 

Tod und Leben

Predigt am 17.03.2024 (5. Fastensonntag) in Wertach
 

Dass unser menschliches Leben vom Sterben bestimmt ist, ist ja nichts spezifisch Menschliches. Wir Menschen sind ja Teil dieser Schöpfung. Und in der gesamten Schöpfung beobachten wir das Wachsen, Werden und Reifen, also den Prozess des Lebens, und gleichzeitig beobachten wir auch das Verblühen, Verderben und Vergehen, also den Prozess des Absterbens. Leben und Sterben kennzeichnen die Schöpfung als Ganze und eben auch unser menschliches Leben. Zwei Wochen vor dem Fest des Lebens, dem Osterfest, lasst uns fragen, was uns Jesus heute im Schöpfungsbild vom Weizenkorn sagen möchte: Nur im Sterben ersteht die Frucht neuen Lebens. 

 

Der Schmetterling ersteht zum Leben, nachdem die Raupe gestorben ist. Es gibt einige Tierarten wie die pazifischen Lachse, die nach dem Ablaichen sterben. Andere Tierarten sterben nach der ersten und einzigen Paarung. Die Weitergabe des Lebens kostet diesen elterlichen Tieren also das Leben. Die Jungen der Pelikanmutter, die keine andere Nahrung finden, tränken sich mit dem Blut, das die Mutter aus ihrem selbst geöffneten Herzen an ihre Jungen verströmt: Damit die Jungen überleben, ist die Mutter bereit zu sterben. Dieses Bild ist zu einem Symbol geworden für Jesus Christus, der am Kreuz für uns sein Blut vergießt, damit wir überleben, ja sogar ewig leben. Irgendwie ist diese Botschaft in die Artenvielfalt unserer Schöpfung eingeschrieben: Neues Leben ersteht um den Preis des Sterbens. 

 

Das heutige Evangelium (Joh 12,20-33) steht bei Johannes im letzten Kapitel vor der Fußwaschung und der damit beginnenden Überlieferung vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Jesus ist mit seinen Jüngern zum Paschafest nach Jerusalem hinaufgezogen. Einige aus der Pilgergruppe sind aufmerksam geworden auf Jesus und möchten ihn sehen. Jesus aber weist seine Jünger hin auf das, was kommen wird: Denn die Jünger sollen nicht unvorbereitet sein für das, was sich die folgenden Tage ereignen wird. Und so wollen mit diesen Worten Jesu auch wir nicht unvorbereitet sein im Blick auf das, was wir in zwei Wochen wieder feiern dürfen: Dass Jesus in seinem Sterben uns ein ganz neues Leben eröffnet… 

 

Zur Vorbereitung auf dieses unerhörte und außerordentliche Ereignis schenkt Jesus seinen Jüngern dieses Schöpfungsbild: Das Bild vom Weizenkorn. Sicherlich hatten die Jünger Jesu damals einen intensiveren Bezug zur Agrarwirtschaft als viele moderne Menschen heute. Und doch wissen wir alle, dass das Brot, das wir täglich genießen, gebacken wird aus dem kostbaren Weizen oder aus anderen Getreidearten. Darauf nimmt Jesus Bezug, wenn er sagt: „Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es reiche Frucht“. Aus dem einzelnen kleinen Weizenkorn können viele neue Weizenkörner wachsen und zum Leben erstehen. Dafür muss dieses eine Weizenkorn aber sein Leben hingeben und in der Erde sterben. Und an dieses eindrückliche Bild fügt Jesus an die Lehre: „Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“. Fragen wir uns überhaupt, wie wir unser Leben bewahren können bis ins ewige Leben? Jesus sagt also in diesem Schöpfungsbild: Neues Leben ersteht nur dann, wenn wir den Prozess des Sterbens zulassen… 

 

Dieser Vergleich ist nicht in jeder Hinsicht zutreffend und das Thema ist komplex: Aber mir fielen jene Eltern ein, deren Kind einen Gehirntod erlitten hat, und die dann zustimmen, dass ihrem Kind Organe entnommen werden und dass so durch die Organspende anderen Kindern das Leben gerettet wird, dann ermöglicht doch das Sterben jenes Kinder anderen Kindern ein neues Leben… 

 

Wir könnten auch noch einen kurzen Blick werfen auf unsere Kirche. Ist nicht auch in unserer Kirche vieles im Absterben? Neben den statistischen Erhebungen, die dies belegen, wiegt vielleicht noch schwerer, dass vielfaches Fehlverhalten in der Kirche einen gravierenden Vertrauensverlust zur Folge hat. Ja, die Kirche ist in vieler Hinsicht im Absterben. Und das tut – wie jedes Sterben – vielen von uns weh. 

 

Und Gott? Bleibt er etwa distanziert und schaut er einfach zu, wie unsere Kirche an Kraft und Lebendigkeit weiter verliert? Die heutige Botschaft vom Weizenkorn macht mir Mut. Ich weiß nicht, wann und wie unsere Kirche wieder lebendiger werden und zu neuer Frucht erstehen wird, was sie ja mancherorts bereits tut, aber ich hoffe, dass auch für unsere Kirche gilt: Neues Leben kann und will dort erblühen, wo wir zunächst den Prozess des Absterbens annehmen und zulassen… 

 

Lothar Zenetti hat dies in seinem uns vertrauten Liedtext so zusammengefasst: 

Das Weizenkorn muß sterben, sonst bleibt es ja allein; 

der eine lebt vom andern, für sich kann keiner sein. 

Geheimnis des Glaubens: im Tod ist das Leben. 

So gab der Herr sein Leben, verschenkte sich wie Brot. 

Wer dieses Brot genommen, verkündet seinen Tod. 

Geheimnis des Glaubens: im Tod ist das Leben. 

Wer dies Geheimnis feiert, soll selber sein wie Brot; 

so lässt er sich verzehren von aller Menschennot. 

Geheimnis des Glaubens: im Tod ist das Leben. 

Als Brot für viele Menschen hat uns der Herr erwählt; 

wir leben füreinander, und nur die Liebe zählt. 

Geheimnis des Glaubens: im Tod ist das Leben.