Geist und Feuer

Predigt am 2. Advent in Schwarzenberg
 

„Er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen“ (Mt 3,11): Er, dessen Kommen wir im Advent erwarten. In dieser Zeit der Erwartung begleiten uns große Gestalten des Glaubens: Heute hörten wir von Johannes dem Täufer – und am 08. Dezember feiern wir Maria, Eure Pfarrpatronin. Beide, Johannes und Maria, zeigen uns, was Geist und Feuer bedeuten können für unser Leben… 

 

1.  Johannes – der Geist öffnet seinen Mund 

Wir kennen Johannes den Täufer als einen Propheten, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er kritisiert den Lebenswandel der Menschen, er ruft zur Umkehr auf. Die Pharisäer nennt er Schlangenbrut – welche Provokation. Schließlich wird Johannes für seine klaren Worte enthauptet werden – Prophetenschicksal… Als Johannes im Schoß seiner Mutter Elisabeth zum ersten Mal Jesus begegnet im Schoß dessen Mutter Maria, da spricht seine Mutter die Maria an als die „Mutter ihres Herrn“. Eine solche Erkenntnis der jungen Magd von Nazareth als spätere Mutter des Herrn war nur möglich, weil Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt war, wie der Evangelist berichtet. Schon die Mutter des Johannes war also Trägerin des Geistes, eines Geistes, der ihre Zunge löste zum Bekenntnis des Herrn. Wie viel mehr war ihr Sohn Johannes vom Heiligen Geist erfüllt, um als Prophet reden und den Willen Gottes den Menschen seiner Zeit verkünden zu können. Und dieser Johannes selber sagt uns im heutigen Evangelium, dass Jesus kommen wird als einer, der uns taufen wird mit dem Heiligen Geist. Ja, in Taufe und Firmung haben wir alle den Heiligen Geist empfangen. Wozu haben wir diesen Heiligen Geist empfangen? Prophetinnen und Propheten sind wir nicht. Aber wir haben als Getaufte und Gefirmte Anteil am Prophetenamt. Wir haben den Auftrag, unseren Mund aufzutun und Farbe zu bekennen für unseren Glauben. Das ist nicht immer leicht. Aber wir brauchen uns nicht zu sorgen, sagt Jesus an anderer Stelle, wie und was wir sagen sollen, denn der Heilige Geist wird uns die Worte eingeben, mit denen wir Zeugnis ablegen dürfen für unseren Glauben. Trauen wir mit Johannes dem Täufer diesem Heiligen Geist, der in uns hineingetauft ist und der uns immer wieder ermutigen will, als Christin und als Christ nicht hinter dem Berg zu halten mit dem, was uns im Glauben wichtig ist, sondern unsere Stimme zu erheben, wenn es darum geht, dem Aufbau des Reiches Gottes den Weg zu bereiten. So erwarten wir den, der kommen will, den, der uns mit der Geisttaufe beschenkt hat, nicht sprach-los zu bleiben, sondern seiner Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen unsere Stimme zu verleihen. Ein herrlicher Auftrag, vor dem wir nicht zurückschrecken brauchen. Der Geist öffnet unseren Mund und löst unsere Zunge. 

 

2. Maria – Geist und Feuer 

„Er wird euch mit Heiligen Geist und mit Feuer taufen,“ sagt Johannes über den, der kommen wird. Und Maria? Von ihr sagen wir im „Gegrüßet seist Du, Maria“, dass sie „voll der Gnade“ ist, weil sie voll des Geistes ist. Dieser Heilige Geist hatte sie überschattet, als sie Jesus empfing, berichtet Lukas. Das feiern wir ja neun Monate vor der Geburt ihrer Leibesfrucht, also am 25. März. Und den Geburtstag Mariens? Den feiern wir am 08. September. Ich staune jedes Jahr, dass unsere Kirche neun Monate vor dem Geburtstag Mariens den Tag als Fest begeht, an dem Maria von ihrem Vater Joachim gezeugt und von ihrer Mutter Anna empfangen wurde auf ganz menschliche Weise. Euer Pfarrpatrozinium am 08. Dezember ist das Fest des Anfangs jener Geschichte, die Gott mit der späteren Mutter seines Sohnes beginnt. Und diese Geschichte bezeugt, wie sehr Maria „voll der Gnade“, voll des Geistes war. Schließlich ist diese Maria nach der Himmelfahrt ihres Sohnes im Pfingstsaal die Vorbeterin, die zusammen mit den Aposteln die Sendung des Heiligen Geistes erfleht, damit der Geist Gottes den Erdkreis erfüllt und das Angesicht der Erde erneuert. Diese Geistsendung haben viele Künstler dargestellt in Form von Feuerzungen, wie es die Apostelgeschichte überliefert. Der Geist teilt sich mit im Feuer, dem Feuer der Liebe. Der Geist will das Feuer der Liebe in den Herzen der Menschen entzünden. Und Maria ist ein Kelch des Geistes und eine Quelle jener Liebe, die Gott von allem Anfang an in sie hineingelegt hat. 

 

3. Erwarten wir den, der uns erfüllt mit Geist und mit Feuer 

So, jetzt haben wir diese beiden adventlichen Wegbegleiter einwenig betrachtet: Johannes den Täufer, dessen Mund sich öffnete durch den Geist Gottes, und Maria, die von Anfang an mit dem Geist erfüllt ist und in der das Feuer der Liebe brennt. Wir tun gut daran, uns von Johannes dem Täufer und von Maria, der Mutter des Herrn, durch den Advent begleiten zu lassen. Die Prophetie des Johannes, der auf Jesus hinweist als auf einen, der taufen wird mit Heiligem Geist und mit Feuer, hat sich an uns erfüllt. Als Getaufte sind wir alle erfüllt von diesem Geist, der auch unsere Zungen lösen will, wir sind erfüllt mit jener Liebe, die stärker ist als alle Lieblosigkeit dieser Welt. Geist und Feuer: Licht und Liebe! Beides ist in uns. Beides wirkt in uns. Beides will sich – nicht nur im Advent – ausbreiten durch uns: Der Geist, der uns das gute Wort in den Mund legt, das Feuer, das uns zu neuer Liebe lockt und verleitet. Der Advent ist die Zeit der Erwartung. Wie gut ist es und wie schön, den erwarten zu dürfen, der uns seinen Geist und sein Feuer schenken will: Licht und Liebe in uns und durch uns für diese Welt. Amen. 

 

Warten

Predigt am 1. Advent in Petersthal

 
An der Ampel warten wir, dass es grün wird; im Frühjahr warten wir auf den Sommer; im Wartezimmer des Arztes müssen wir manchmal warten; wir warten auf das Ende des Krieges; wir warten auf einen guten Ausgang der Fußballweltmeisterschaft; wir warten darauf, dass wir endlich lernen, diesen Planeten nicht weiter zu zerstören. Manche warten vielleicht darauf, endlich den richtigen Partner oder die richtige Partnerin fürs Leben zu finden… Warten – das ist uns allen nicht fremd. Einen Teil unseres Lebens verbringen wir damit, zu warten.
 
Warten Sie gerne? Oder würden Sie nicht auch die Wartezeit so manches Mal lieber verkürzen? Im Supermarkt stellen wir uns doch an der Kasse an, an der wir möglichst wenig warten müssen… Wenn die Kinder klein sind, warten Eltern vielleicht darauf, dass sie endlich größer werden. Wenn die Kinder groß sind, warten sie vielleicht auf die Enkelkinder. Und wenn die Enkelkinder groß sind, dann warten wir vielleicht darauf, wie wir unseren Lebensabend altersgemäß möglichst gut gestalten können… Lebenszeit ist Wartezeit. 
 
Wir sollten uns also nicht sträuben gegen das Warten. Es gehört zu unserem Leben. Wartezeit kann eine sinnvolle Zeit sein. In der Schwangerschaft warten die Eltern auf die Geburt ihres Kindes. Würde eine Schwangerschaft nur wenige Wochen dauern, wären viele Entwicklungsschritte auf dem Weg zur Elternschaft nicht möglich. Warten kann wertvoll sein, um sich weiter zu entwickeln, um zu reifen, um zu lernen, um das Leben mit anderen Augen zu sehen. Etwas zu erwarten, kann unserem Leben Auftrieb geben, Ermutigung, Vorfreude, Ausrichtung auf etwas, das mein Leben bereichert… 
 
Mit diesem Gottesdienst beginnen wir gemeinsam, liebe Schwestern und Brüder,  eine Wartezeit. Der Advent ist die Zeit des Wartens auf den, der kommen will in unsere Welt, der kommen will in unser Leben. Im heutigen Evangelium (Mt 24,37-44) spricht Jesus auch vom Warten. Allerdings thematisieren diese Worte Jesu gegen Ende des Matthäusevangeliums nicht seine Ankunft im Stall von Bethlehem, welche wir auch die erste Ankunft nennen, sondern hier geht es um die sog. zweite Ankunft Jesu, seine Ankunft am Ende der Weltzeit. „Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet,“ sagt Jesus – und will uns damit auffordern zu einer Haltung der Wachsamkeit, der Bereitschaft und der Erwartung. Die Kirche hält diese unsere Haltung im Blick auf diese sog. zweite Ankunft, die ja zeitlich gesehen noch vor uns liegt, offenbar für passend auch im Blick auf das Ereignis der Menschwerdung Gottes. Auch diese erste Ankunft Jesu, die ja über 2000 Jahre hinter uns liegt und die wir in vier Wochen wieder feiern dürfen, verdient diese unsere Haltung: Die Haltung der Erwartung! 

Heute vor drei Jahren hatte ich im Gottesdienst einen Brief des damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, vorgelesen. In diesem Brief wurden alle Christinnen und Christen in Deutschland aufgerufen, am Synodalen Weg der Kirche aktiv teilzunehmen. Viele Themen, die vielen Christen auf dem Herzen liegen bzw. unter den Nägeln brennen, werden seither im Synodalen Weg diskutiert, damit sich die Katholische Kirche grundlegend erneuern kann. Vieles ist in den letzten drei Jahren passiert. Unlängst waren alle Deutschen Bischöfe in Rom, um mit Papst Franziskus über die aktuelle Entwicklung zu reden. Manche Beobachter zweifeln daran, dass der Synodale Weg für unsere Kirche in Deutschland überhaupt Erneuerung ermöglichen wird, da es in manchen Fragen bisher keinen Konsens gibt. Im Frühjahr 2023 soll der Synodale Weg eigentlich abgeschlossen sein. Aber mit welchem Ergebnis? Papst Franziskus hat ja inzwischen selber die Weltkirche zu einer Art Synodalem Weg aufgefordert. Synodal heißt für den Papst, dass alle aufeinander hören und dass im beharrlichen und geduldigen Hören gemeinsam nach dem Willen Gottes gefragt wird für die Kirche in unserer Zeit. Dieser Ansatz entspricht zutiefst dem Evangelium. Denn unser Evangelium beginnt ja damit, dass Gott Mensch wird, um mit uns Menschen in einen Dialog zu treten: Gott wird einer von uns, um mit uns auf Augenhöhe zu reden, um als unser Freund und Bruder mit uns zu sein auf dem Weg des Lebens, auf dem Weg durch unsere Zeit. Gott kommt nicht, um uns zu diktieren, was wir zu tun haben, sondern er lässt sich auf den Menschen ein, damit wir uns aufeinander einlassen. Dass meint Synodalität. 
 
Warum ich das heute predige? Weil dieses Warten auf den Fortgang und den Ausgang des Synodalen Weges um des Evangeliums willen und um unserer Kirche willen so wichtig und für mich bewegend ist. Vielleicht ist es gut, wenn wir noch Geduld haben, wenn wir weiterhin warten. Erneuerung ist ein Prozess, der immer auch eine Zeit der vorausgehenden Reifung braucht, damit möglichst viele bereit werden, den Weg der Erneuerung mitzugehen und möglichst aktiv mit zu gestalten. Also warte ich weiterhin gerne und hoffe und bete derweil, dass der Synodale Weg Frucht tragen wird. Dass die Deutschen Bischöfe in der vergangenen Woche zugestimmt haben, dass künftig auch Menschen, die nicht heterosexuell sind oder die in einer zweiten Ehe leben, von der Kirche nicht länger diskriminiert werden, sondern in der Kirche in einem der vielen kirchlichen Berufe angestellt werden können, ist ein erster und nicht unwichtiger Schritt zur Erneuerung unserer Kirche. 
 
„Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet die erste Kerze brennt. Wir sagen euch an eine heilige Zeit, machet dem Herrn die Wege bereit.“ Ja, der Advent ist uns geschenkt als heilige Zeit, in der wir der Ankunft des Herrn die Wege bereiten wollen, in der wir das Kommen Gottes in unsere Welt und in mein persönliches Leben von Herzen erwarten wollen. Die „Advents-schwangerschaft“, wenn Sie so wollen, dauert nicht lang: Heute in vier Wochen ist das Geburtsfest Jesu. Nutzen wir diese Zeit als eine Zeit des Warten-Dürfens. Wir dürfen den erwarten, der diese Welt in das Licht der Liebe Gottes stellen will. Wir dürfen den erwarten, der unsere Kirche erneuern will. Wir dürfen den erwarten, der mir als Bruder und Freund zur Seite stehen will. Amen. 

Macht der Ohnmacht

Predigt am 20.11.2022 (C/Christkönig) in Wertach
 

Jetzt dürfen wir heute zusammen ein Jesus-Fest feiern, und da verkündet uns die Kirche einen Abschnitt aus der Passionsgeschichte (Lk 23,35-43). Wie passt denn das zusammen? Ja, es geht heute nicht um einen Jesus, der gelitten hat und der gestorben ist für uns, sondern es geht um einen Jesus, den wir als König ansprechen dürfen. Dieses Königtum aber hat ganz besondere Charakteristika, die mit dem Königtum z.B. einer Königin Elisabeth II., die 70 Jahre lang ihrem Land Königin war, wohl wenig gemein hat. Aber die Charakteristika dieses Jesus-Bildes als Jesus-König lassen sich aus diesem Abschnitt der Passion gut herauslesen, wenn wir noch mal kurz hinschauen. Mit fallen drei Eigenschaften dieses Jesus-Königs auf: 

 

1. Die Königsmacht Jesu als ohnmächtige Königsmacht 

Die Soldaten, die Jesus gekreuzigt hatten, verspotteten ihn mit der Aufforderung: „Wenn Du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!“ Vielleicht lag in diesem Spott auch ein Stück Skepsis. Vielleicht waren die Soldaten sich nicht ganz sicher, wer dieser Mann ist, den sie da gekreuzigt hatten. Falls er vielleicht doch jener sei, von dem die Juden behauptet hatten, dass er ihr König sei, dann müsste er doch die Macht haben, vom Kreuz herabzusteigen. Keine schlechte Idee eigentlich, die Nagelprobe sozusagen. Wenn Jesus trotz der Nägel, die ihn ans Kreuz hefteten, vom Kreuz jetzt herabsteigen würde, dann wüssten wir alle, dass er eine ganz besondere Macht hat – wie ein König. Viele Theologen, die diese Stelle näher betrachtet haben, haben immer großen wert darauf gelegt zu sagen: Ja, Jesus hätte vom Kreuz herabsteigen können! Bei all den Großtaten und Wundertaten, die Jesus all die Jahre erwiesen hatte so vielen Menschen zu ihrem Heil und als Ausdruck seiner Gottessohnschaft, wäre auch diese Wundertat gut möglich gewesen. Und Jesus hätte damit die Spottschrift in eine wahre und wirkliche Aussage gewandelt und bezeugt: „Ich bin ein wahrer König!“ Doch Jesus widersteht dieser Aufforderung. Er steigt nicht herab vom Kreuz. Seine Königsmacht ist die Ohnmacht! Jesus dokumentiert die Ohnmacht seiner Königsmacht und zeigt damit ein deutliches Charakteristikum seiner Königsmacht: Die Ohnmacht! 

In meinen 10. Klassen haben wir darüber gesprochen, was heute unseren Gottesglauben erschweren kann. Die Schülerinnen und Schüler hatten so manche Ideen. Dann sagt eine Schülerin: „Ich tue mich schwer, an Gott zu glauben, weil Gott den Krieg in der Ukraine zulässt.“ Ich zeige Verständnis für diesen Beitrag – aber auch meine Betroffenheit. Warum neigen sogar wir Christinnen und Christen dazu, Gott verantwortlich zu machen für die schrecklichen Dinge, die allein wir Menschen verursacht haben? Warum erwarten wir von Gott, dass er seine Macht ausspielt, um Probleme zu lösen, die allein auf menschlichem Machtmissbrauch beruhen? Dazu wäre viel zu sagen... Dieses Beispiel fiel mir nur ein, weil für mich hier auch dies ganz konkret wird: Die Königsmacht Gottes erweist sich auch heute oft genug in der Ohnmacht. Gott bräuchte nur mit den Fingern schnipsen und der Krieg wäre vorüber, die Erderwärmung wäre gestoppt, die Flüchtlingsströme wären beendet und der Hunger auf dieser Welt wäre besiegt. Gott bräuchte nur mit den Fingern schnipsen. Wenn Sie mich fragen, warum Gott das nicht tun, was alles in seiner Macht läge, dann würde ich auf diese – gewiss schwierige – Frage antworten: Weil Gott uns nicht aus der Verantwortung entlässt. Wir müssen unsere Hausaufgaben schon selber machen. Das traut Gott uns zu! Und: Weil ein Charakteristikum seiner Königsmacht dies ist, dass sie sich oft genug zeigt in einer gewissen Ohnmacht. Auch heute. Doch der ohnmächtige Gott ist nicht machtlos. Seine Macht wirkt in der Ohnmacht, sie kleidet sich in eine Ohnmacht, die letztlich uns auffordert, seiner Königsmacht zur Herrschaft zu verhelfen. Das ist unser Job! Derweil leidet Gott mit all den Menschen, die aufgrund menschlicher Schuld zu leiden haben, so wie Jesus am Kreuz gelitten hat und nicht vom Kreuz herabgestiegen ist – als König der Ohnmacht! 

 

2. Die Königsmacht Jesu, die den rettet, der sich seiner Königsmacht anvertraut 

Nach den Soldaten melden sich jetzt die beiden Männer zu Wort, die zusammen mit Jesus gekreuzigt wurden. Der eine Verbrecher verhöhnt Jesus: „Bist Du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns!“ Aha! Die Soldaten wären schon zufrieden gewesen, wenn Jesus sich selbst gerettet hätte als Ausdruck seiner Königsmacht, aber dieser Verbrecher fordert noch mehr: Es soll gefälligst auch uns retten! Diese Bitte, ja diese Erwartung ist mir eigentlich nicht unsympathisch. Fordere ich das nicht eigentlich auch: „Jesus, rette mich!“? Ja! Wir dürfen Jesus anrufen und ihn bitten um Rettung und Heil – für uns heute und am Ende unseres Lebens: „Jesus, rette mich!“ Nur sollten wir nicht erwarten, dass Jesus in seiner Königsmacht diese Bitte erfüllt nach unserer Vorstellungen. Worin besteht die Rettung? Will ich Gott das vorschreiben? Wem kann dieser König seine rettende Macht zuwenden? Dem, der ihn verhöhnt? Dem, der distanziert bleibt ihm gegenüber, der sich nicht anrühren lässt von seiner Königsmacht – auch wenn sie sich in Ohnmacht hüllt? 

 

3. Die Königsmacht Jesu, die uns ins Paradies führt 

Und dann kommt schließlich der andere Verbrecher. Der übernimmt im Unterschied zum ersten die volle Verantwortung für sein Fehlverhalten. Und er sagt: „Jesus, denk an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!“ Jesus ist gerührt von dieser demütigen Bitte und beantwortet sie mit einer ungeheuerlichen Zusage: „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein.“ Wie gerne würde auch ich dieses Wort aus dem Munde Jesu hören in der Stunde meines Todes: „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein“! Hier erweist Jesus seine Königsmacht! 

Jesus steigt nicht herab vom Kreuz, er erweist dem, der ihn verhöhnt, keine Rettung. Aber er schenkt dem, der ihn demütig bittet, das Paradies. Heute noch. Was für ein König!! Vertrauen wir uns diesem König an, der seine Königsmacht manchmal in Ohnmacht kleidet, der uns alle aber würdigen will, im Paradies mit ihm die Vollendung seines Reiches erleben zu dürfen – eines Reiches, das hier und heute beginnt, wenn wir mitbauen dürfen an seinem Königreich. Amen. 

Und doch              Leben gewinnen

Predigt am 13.11.2022(C/33) in Petersthal

Das Lebensgefühl vieler Menschen ist geprägt von Verunsicherung, von Sorge und von Angst. Der Krieg und die vielen Krisen, die uns umgeben, gehen nicht spurlos an uns vorüber. Auch wir Christinnen und Christen müssen uns auseinandersetzen mit diesen schwierigen Zeichen unserer Zeit. Wir sehen uns konfrontiert mit der Frage, was Gott uns damit sagen will oder was Gott mit uns noch vorhat. 
 
Gegen Ende des Kirchenjahres verkündet uns die Kirche Schrifttexte, die vom Ende dieser Weltzeit sprechen. So auch die Rede Jesu, die uns Lukas überliefert hat (Lk 21,5-19). Hier kündigt Jesus zunächst an, dass der Tempel von Jerusalem niedergerissen werden wird. In den Ohren seiner Hörerinnen und Hörer war das soviel wie ein Weltuntergang. Und als Lukas diese Worte Jesu Jahrzehnte später aufgeschrieben hatte, war das erschütternde Ereignis bereits Vergangenheit. Doch der Tempel von Jerusalem, der ist weit weg von uns. Nicht weit weg von uns sind Krieg und Unruhen, von denen Jesus weiter spricht, und davon, dass sich ein Volk gegen das andere erheben wird, weiter von Erdbeben, Seuchen und Hungersnöten. All diese schrecklichen Dinge, die Jesus damals angekündigt hatte, hören wir doch heute mit einem gewissen Erschrecken angesichts ihrer Aktualität. Was Jesus damit meint, wenn er dann sagt, dass man uns, die wir zu Jesus gehören, verfolgen wird, dass wir für unseren Glauben Rede und Antwort stehen müssen und dass wir um unseres Glaubens willen gehasst werden, das können wir uns wohl weniger vorstellen. Es gab immer sehr unterschiedliche Auslegungen dieser Endzeitrede, dieser schwierigen Prognosen. Vor allem wurde ja immer wieder darüber spekuliert, wann es denn soweit sei, wann das Ende der Weltzeit bevorsteht. Doch Jesus selber sagt deutlich: „Viele werden sagen: Die Zeit ist da! – Lauft ihnen nicht nach.“ An anderer Stelle sagt er: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, nur der Vater“ (Mt 24,36). Wir sollten uns also weniger befassen mit der Spekulation, wann der Tempel von Jerusalem – um dieses Bild noch mal aufzugreifen – über uns einstürzen wird, sondern wir sollten uns fragen, in welcher Haltung wir die Herausforderungen der Gegenwart bestehen können, wie wir die Zeichen der Zeit deuten können, und wie wir mit dem für uns alle nahenden Ende – vielleicht nicht das Ende der Weltzeit, ganz sicher aber das Ende unserer persönlichen Lebenszeit – entgegen gehen können. 
 
Auf die Frage nach dem Gottesbild haben mehrere meiner jugendlichen Schüler in der Kurzarbeit geschrieben, dass sie sich schwer tun, an Gott zu glauben, wenn Gott den Krieg in der Ukraine und die nicht endenden Flüchtlingsströme zulässt. Es macht mich betroffen, dass wir Menschen offenbar immer wieder dazu neigen, Gott die Verantwortung in die Schuhe zu schieben für Katastrophen, die einzig und allein wir Menschen verursachen. Ich wundere mich über eine solche Schieflage im Gottesbild, die anscheinend weit verbreitet ist. Die Kirche verkündet doch Sonntag für Sonntag, dass Gott uns Menschen bedingungslos liebt und dass er unter allen Umständen will, dass unser Leben gelingt. Aber diese Botschaft erreicht offenbar die Herzen vieler Menschen nicht. In den Katastrophen der Welt oder auch des persönlichen Lebens sprechen wir Gott schuldig bzw. wir sehen ihn als Verursacher dieser Katastrophen. Es gibt einen netten Youtube, in dem Gott interviewt wird, und da sagt dieser Gott sehr deutlich: „Um das klarzustellen: Ich habe mit all dem nichts zu tun.“ Wie wahr! Gott hat mit all dem nichts zu tun! Doch, er hat natürlich sehr viel zu tun mit Krieg und Leid im Blick auf das Leid eines jeden Menschen. Denn das geht Gott zu Herzen. Aber Gott dreht nicht an der Schraube des Weltgeschehens. Er schickt uns keinen Krieg und er beendet auch keinen Krieg. Wann fangen wir endlich an, unsere Eigenverantwortung zu übernehmen, die Gott uns, seinen Geschöpfen, als Ausdruck unserer Würde und unserer Gottebenbildlichkeit geschenkt hat? Also kommen wir wieder zur ersten unserer drei Fragen: In Welcher Haltung können wir die Herausforderungen unserer Zeit bestehen? Sind wir froh, dass unser Gott ein Gott ist, der uns gerade auch in allen Sorgen und Nöten begleitet, aber hören wir auf, von Gott Dinge zu erwarten, die wir selber tun dürfen und die wir selber tun müssen. 
 
Und die zweite Frage: Wie können wir die Zeichen der Zeit deuten? Wenn wir dieser Tage hören von der Weltklimakonferenz, die derzeit ein weiteres Mal sich intensiv mit der Frage auseinandersetzt, wie wir die Leben zerstörende Erderwärmung in Griff kriegen können, dann sehe ich allein dieses Zeichen unserer Zeit, das ja nur ein Beispiel ist, als eine Art Aufschrei Gottes, der uns diesen Planten als Lebensraum anvertraut hat, der Aufschrei: Übernehmt endlich die Verantwortung für Euer Verhalten und tragt die Konsequenzen, sofern ihr sie tragen könnt. Ist es nicht wieder so, dass die Zeichen der Zeit uns herausfordern, endlich unseren Lebensstil zu ändern, endlich die Profitgier unseres Wirtschaftssystems als Ursache einer Spirale des Verderbens zu erkennen und endlich wieder den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen, den Menschen in seiner gottgeschenkten Würde und Freiheit? Nicht wir sollten Gott sagen, was er tun soll, sondern lassen wir uns von Gott sagen in den Zeichen unserer Zeit, was wir tun müssen, dass wir – um in diesem Beispiel zu bleiben – unsere Lebensweise endlich auf den Prüfstand stellen müssen… 
 
Schließlich die dritte und letzte Frage: Wie gehen wir selber dem Ende entgegen, dem unbestimmten Ende der Weltzeit, vor allem aber auch dem Ende meiner eigenen Lebenszeit? Wie froh und dankbar bin ich, dass die heutige Rede Jesu so einen starken und ermutigenden Schlussakkord hat, wenn uns Jesus zuruft: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Was für ein Versprechen! Was für eine Vision! Zusammen gefasst möchte ich festhalten: „Und doch werdet ihr das Leben gewinnen“! Trotz aller Krisen, trotz aller Herausforderungen, Sorgen, Ängste und Nöte: Jesus sagt seinen Freunden zu, dass Leben auf sie wartet, Leben in Fülle! Gott sei Dank! Amen. 

Der Anreiz

Predigt am 04.11.2022 (C/32) in Maria Rain
 

Ist nicht eines der Charakteristika unserer modernen Gesellschaft, dass der Mensch heute weitgehend unfähig geworden ist, mit dem, was wir Christen Auferstehung nennen, zu rechnen, unfähig, sein Leben der Auferstehung entgegen zu leben?! Wie aktuell und wie kostbar erscheint mir da die Botschaft des heutigen Evangeliums (Lk 20,27-38). Da spricht Jesus von denen, die Gott für würdig hält, an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben. Ja, wir haben allen Grund zur Zuversicht, dass Gott uns für würdig halten wird, an der Auferstehung der Toten teilzuhaben. In den letzten Wochen des zu Ende gehenden Kirchenjahres laden uns die Texte immer wieder ein, über diese Teilhabe an der Auferstehung der Toten nachzudenken. Was ist damit gemeint? Wie wird das sein? 

1.    Das Streben nach etwas, das über uns selbst hinausgeht 

In seinem Schreiben über Ehe und Familie Amoris laetitia sagt unser Papst Franziskus: „Alle sind wir aufgerufen, das Streben nach etwas, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht, lebendig zu halten, und jede Familie muss in diesem ständigen Anreiz leben.“ Ich finde an dieser Formulierung zunächst bemerkenswert, dass sie offen ist: Der Papst spricht nicht fromm vom Himmel und auch nicht theologisch vom ewigen Leben, sondern er spricht von „etwas, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht“. Jeder Mensch erfährt sich begrenzt: Nicht nur in seinen Fähigkeiten, vielmehr auch in seinen Möglichkeiten, seinen Durst nach Leben zu stillen, diesen unersättlichen Durst nach Leben und nach Liebe. Die Begrenzung unseres zeitlichen Lebens bis hin zu dem unausweichlichen Faktum des eigenen Todes, treibt den Menschen doch dazu, über sich selbst und über die Grenzen seines eigenen Lebens hinauszugehen. „Alle sind wir aufgerufen, das Streben nach etwas, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht, lebendig zu halten“, sagt der Papst. Damit gibt er unserem Begrenztsein eine positive Ausrichtung: Indem wir danach streben, über dieses Begrenztsein hinaus zu gehen, wird dieses Begrenztsein nicht nur Einengung, sondern zum Anlass, zu streben nach einem Leben ohne diese Begrenztheit. Uns Christen ist das möglich. Während Jesus in seiner Menschwerdung unsere menschliche Begrenztheit auf sich nimmt – Weihnachten – und in seiner Lebenshingabe – Karfreitag – den Tiefpunkt unserer Begrenztheit durch-leidet, eröffnet er in seiner Auferstehung – Ostern – eine nie endende Explosion des Lebens. Als Christinnen und Christen haben wir eine Vision, als österliche Menschen haben wir eine Zielvorstellung von diesem Leben, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht. Danach sollen wir streben, das sollen wir lebendig halten, ruft uns der Papst zu. 

2.    Der ständige Anreiz des kommenden Lebens in Ehe und Familie 

Aber in welchem Zusammenhang sagt uns das der Papst? In seinem Schreiben über Ehe und Familie lautet im Abschnitt 325 der ganze Satz: „[Die Worte der Heiligen Schrift über die Ehe verweisen uns nicht zufällig auf] die letzte und endgültige Dimension unseres Lebens. Alle sind wir aufgerufen, das Streben nach etwas, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht, lebendig zu halten, und jede Familie muss in diesem ständigen Anreiz leben.“ Mir fiel dieses Zitat ein, weil Jesus im heutigen Evangelium unsere Teilhabe an der Auferstehung der Toten ja auch in Verbindung bringt mit der Ehe: Wem gehört denn im kommenden Leben eine Ehefrau, die mehrere Ehemänner hatte? Diese eigenartige Frage beantwortet Jesus fast etwas lapidar mit der Feststellung: „Nur in dieser Welt heiraten die Menschen.“ Ist das nicht schade? Jesus hat eine große Hoch- und Wertschätzung für die Ehe. Und doch sieht er in der Ehe eine vorläufige Lebensform, wohl deshalb, weil die Ausschließlichkeit der Liebe, wie sie in der Ehe den Gatten vorbehalten ist, im ewigen Leben so nicht mehr nötig sein wird. Das können wir uns nicht ohne weiteres vorstellen, dass wir im ewigen Leben alle einander so sehr lieben können, dass es eine exklusive Liebe wie in der Ehe nicht mehr braucht. Papst Franziskus weist am Ende seines Schreibens über Ehe und Familie jedenfalls darauf hin, dass in der Heiligen Schrift mehrfach das Bild der Ehe, das Bild von Braut und Bräutigam verwendet wird, wenn uns die Schrift zu erklären versucht, wie groß die Liebe sein muss, mit der wir umfangen sein werden im ewigen Leben. Und dann sagt er: „Jede Familie muss in diesem ständigen Anreiz leben.“ Die Perspektive, die Vision, der Ausblick auf das ewige Leben als ein Leben ohne Begrenzungen, ohne Enttäuschungen und ohne Schuldigwerden, der Ausblick auf ein solches Leben soll für unsere Familien ein ständiger Anreiz sein… Was für ein Gedanke! Wie schnell verlieren wir uns doch im Vorläufigen und Vergänglichen, wie schnell setzen wir unsere Kraft und Energie in die Überwindung so mancher Probleme, die uns das Leben auferlegt und wie schnell vergessen dabei jenen „Anreiz“. Dabei soll ja gerade dieser „Anreiz“ eine echte Lebenshilfe sein zur Bewältigung unserer Probleme und Begrenztheiten – nicht nur in Ehe und Familie. 

3.    Im Schmerzlichen sich ausrichten auf das Beglückende 

Vielleicht ist Ihnen das alles zu kompliziert? Zu abstrakt? Zu theologisch? Lassen Sie mich versuchen, diese Gedanken noch etwas herunter zu brechen: wenn es uns immer gut ginge – wenn es uns in unseren Ehen und Familien immer gut ginge, dann würde doch eine Botschaft vom Himmel als einem erfüllten und vollendeten Leben uns kaum erreichen. Weil es uns aber nicht immer gut geht, weil es für uns nicht selten schmerzlich ist, auch in Ehe und Familie konfrontiert zu werden mit unerfüllten Erwartungen, mit Enttäuschungen und Verletzungen, darum kann eine schmerzliche Erfahrung dazu helfen, die Vision von einem schmerzfreien Leben bei Gott als ernsthafte und uns in Jesus Christus äußerst wirklich angebotene Option zu betrachten. Schmerzliche Erfahrungen können uns also helfen, unserem Gott zuzutrauen, dass er meinen unersättlichen Durst nach Leben und nach Liebe erfüllen will – nicht als billiger Trost, sondern als letzte und höchste Erfüllung all dessen, woran wir hier und heute immer wieder auch leiden. Ist so gesehen der Ausblick auf das kommende Leben, das Leben der Auferstehung, nicht wirklich ein „ ständiger Anreiz“ auf unserem Lebensweg…? 

Unser Weg zum Himmel

Predigt an Allerheiligen in Schwarzenberg und Maria Rain
 

„Möchten Sie einmal in den Himmel kommen?“ Ich nehme an, dass niemand von Ihnen diese Frage mit „Nein“ beantworten würde. Wir wollen in den Himmel kommen, klar! Aber wie geht denn das? Und wie kommen wir dahin? Das heutige Hochfest Allerheiligen ist genau der richtige Tag, um darüber nachzudenken… 

 

1. Himmel – was ist das? 

Zunächst einmal sollten wir uns bewusst machen, was wir überhaupt meinen, wenn wir vom Himmel sprechen. Da gibt es ja unterschiedliche Vorstellungen. Man kann sich den Himmel vorstellen als ein Leben ohne Krankheit und Leid, ohne Hass und Krieg, man kann sich den Himmel vorstellen als die Vollendung des Reiches Gottes, das ja in Jesus Christus jetzt und hier beginnt. Man kann sich den Himmel vorstellen als ein Leben in andauernder Glückseligkeit. So habe ich mir früher den Himmel vorgestellt. Inzwischen habe ich meine Gründe, mir den Himmel nicht als statischen, gleichbleibenden Zustand des Glücks vorzustellen, sondern für mich ist der Himmel dynamisch: Auch im Himmel als Leben in Vollendung wird es noch ein ständiges Wachstum geben, eine unvorstellbare Ausbreitung und Zunahme an Frieden, an Freiheit, an Freude. Statisch wäre ja langweilig. Dynamisch ist lebendig und heißt Entwicklung, ja heißt Überraschung. Wenn Papst Franziskus immer wieder sagt, dass Jesus uns überraschen will hier und heute: Wie viel mehr dann im Himmel?! Wenn wir gewohnt sind, für unsere Verstorbenen zu bitten: „Oh Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!“, dann bin ich über diese Formulierung nicht so ganz glücklich. Sicherlich wird im Himmel alle Unruhe ein Ende haben, aber so eine Art himmlischer Winterschlaf wird es sicher nicht sein. Im Himmel ist Party, ist Leben, ist Beziehung, ist ständige Entwicklung von Freundschaft und Liebe und Lebendigkeit. Dynamisch und überraschend. Also auch aufregend – recht verstanden. Das ist meine bescheidene Skizze vom Himmel, womit ich Sie mit Ihrer Himmelsvorstellung nicht durcheinander bringen will. Oder vielleicht doch…?! 

Auf jeden Fall hat der Himmel mehr zu bieten, als wir uns heute vorstellen können. Er ist größer als wir denken. Himmel, das ist Begegnung und Beziehung, Leben in Einheit und Gemeinschaft! Alles, was wir hier erleben können und dürfen an froh machenden Begegnungen, an tragenden Beziehungen, an gelingender Einheit in unserer Familie oder an beglückender Gemeinschaft, ist nur Hinweis auf mehr... Der 

Himmel erfüllt mein innerstes Sehnen – mit Gott und durch Gott. Gott ist alles in allem. Und wir sind die Sonnen, die um ihn tanzen… 

 

2. Den Himmel verdienen, das können und brauchen wir nicht 

Aber jetzt: Wie kommen wir bitte dahin? Wie komme ich in den Himmel? Wird der Himmel uns allen am Ende übergestülpt? Oder kann ich etwas tun, darf ich etwas dazu beitragen, ein himmelsfähiger Mensche zu werden? „Der Weg in die Hölle ist mit vielen guten Vorsätzen gepflastert“, sagt eine Redewendung. Ja, mein guter Wille, meine ehrliche Absicht sind schon sehr viel wert. Aber der gute Wille allein ist wohl zu wenig. Natürlich sind auch gute Werke wichtig. Aber wie oft gelingt es mir nicht, das Gute, das ich gerne tun würde, auch wirklich zu tun… Guter Wille hin, gute Werke her – wir können uns am Ende den Himmel nicht „verdienen“, nicht erkaufen. Das ist die klare Botschaft Jesu: Das, was wir Erlösung nennen, kann mir nur geschenkt werden. Die Befreiung aus meiner Vorläufigkeit und Unzulänglichkeit, die Loslösung von meinen schlechten Gedanken und Neigungen, die Verwandlung meiner Sünden in Gnade – das wird am Ende nicht unser eigenes Verdienst sein. Ja, wir wollen in den Himmel. Aber verdienen können wir ihn nicht. Und das brauchen wir auch nicht! 

 

3. Wie die Heiligen werden: „voll der Gnade“! 

Unser Ziel ist ja nicht, das ich als Einzelner in den Himmel komme. Was wäre das für ein Himmel, in dem ich alleine bin? Unser Ziel ist eine himmlische Gemeinschaft! Also da warten schon einige auf mich! Und die nennen wir die Heiligen! Die feiern wir heute: Die große Gemeinschaft derer, die ganz bei Gott leben und die mir zuwinken, dass ich in den Himmel komme. Friedrich Spee hat 1623 das bekannte Lied getextet: „Ihr Freunde Gottes allzu gleich“ (GL 542). Im Kehrvers bitten wir diese Freunde Gottes, die Heiligen: „Helft uns in diesem Erdental, dass wir durch Gottes Gnad und Wahl zum Himmel kommen allzumal“! Also diese vielen „Freunde Gottes“ können und wollen uns helfen, hier und heute. Sie helfen uns durch ihr Vorbild im Leben, das sie mit viel gutem Willen und vielen guten Werken aus ihrem Glauben heraus gelebt haben. Und sie helfen uns durch ihre Fürsprache, die sie bei Gott für uns einlegen können. So wollen sie uns den Weg weisen zum Himmel: Den Weg, auf dem wir unterwegs sind „durch Gottes Gnad und Wahl“! Letztendlich ist es Gott allein, der uns die Gnade der Taufe geschenkt hat und der uns jeden Tag neu auserwählt, als seine geliebten Töchter und Söhne dieses Leben gestalten zu dürfen. Die Gnade erneuern wir nicht zuletzt durch die Feier und den Empfang der Sakramente, die Wahl, am Aufbau des Reiches Gottes mitwirken zu dürfen, nehmen wir an jeden Tag, wenn wir uns von Gott senden und leiten lassen. Von Maria, der Königin aller Heiligen, sagen wir im „Gegrüßet seist Du, Maria“, dass sie „voll der Gnade“ war. Ja, Maria war randvoll der Gnade Gottes, sie hat die Wahl durch Gott angenommen und damit Gott gedient wie keine andere und kein anderer. Lassen auch wir uns immer neu von der Gnade Gottes erfüllen und schenken wir Gott unsere Bereitschaft, seine Wahl, seine Sendung anzunehmen – wo auch immer er mich hingestellt hat und was auch immer er von mir braucht und wünscht. Und dabei dürfen wir uns – nicht nur heute – mit großer Zuversicht anvertrauen der großen Gemeinschaft der Heiligen, die unsere Vorbilder sind und unsere Fürsprecher: „Helft uns in diesem Erdental, dass wir durch Gottes Gnad und Wahl zum Himmel kommen allzumal.“ Amen.