In aller Freiheit

Predigt am 17.01.2021 in St. Franziskus (B/2)

In meinem Brief vom 4. Advent habe ich dazu aufgerufen, die persönliche Freiheit in Anspruch zu nehmen und im derzeitigen Shutdown die Gottesdienste nicht zu besuchen. Ich hatte diesen Aufruf so begründet, dass ich die Einhaltung aller Schutzmaßnahmen als dafür verantwortliche Person nicht gewährleisten kann und vor allem für die Risikogruppen, die ja in unseren Gottesdiensten stark vertreten sind, eine mögliche Gefährdung sehe. Die Reaktionen darauf könnten gegensätzlicher nicht sein. Jemand bedankt sich bei mir, denn ich würde mit diesem Brief Leben retten. Jemand anders klagt mich an, ich hätte den rechten katholischen Glauben verloren, denn in einer Eucharistiefeier könne man sich gar nicht infizieren, weil Christus stärker sei als der Virus, und weil es demnach unverantwortlich sei, den Gläubigen die Messgnaden vorzuenthalten, die doch für das ewige Heil notwendig seien, zumal das ewige Heil doch viel wichtiger sei als die Gesundheit… 

Und jetzt fragen Sie sich, worüber ich denn heute nach dieser Einleitung eigentlich predigen möchte. Wie immer: Über das Evangelium (Joh 1,35-42). Und das lädt uns heute ein, die „pastorale Strategie“ Jesu zu betrachten. Dabei bewegt mich die Frage, was wir heute von dieser Vorgehensweise Jesu lernen können – in unserer gegenwärtigen Situation… Ich greife wieder drei Aspekte heraus aus dem Evangelium:


1.     „Was sucht ihr“? – Ich bin angefragt, ich werde ernst genommen
Zwei Jünger Johannes des Täufers wenden sich Jesus zu und gehen ihm nach. Die allererste Initiative kommt also gar nicht von Jesus. Er hat sie nicht gelockt, nicht angeheuert. Er hat lediglich bemerkt, dass die beiden seine Nähe suchen. Aus freien Stücken wenden diese beiden sich Jesus zu, interessieren sich offenbar für ihn. Was macht Jesus? Er hätte die beiden beglückwünschen können, dass sie es endlich kapiert haben und jetzt dem wahren Rabbi nachfolgen. Nein. Jesus versucht nicht, die beiden für sich zu gewinnen oder sie an sich zu binden. In keinster Weise. Er spricht die beiden an, indem er sie fragt: „Was sucht ihr?“ Jesus will zunächst nicht, dass die beiden sich für ihn interessieren, sondern Jesus zeigt sich interessiert an den beiden. Er will ihre Motivation kennenlernen, die sie antreibt, in der Spur Jesu zu gehen. „Was sucht ihr?“ ist eine offene Frage, also eine Frage, die viele Antworten zulässt. Ja-Nein-Fragen sind keine offenen Fragen. Jesus hätte ja auch sagen können: „Glaubt ihr denn, dass ich der Messias bin?“ Und die beiden hätten mit Ja oder mit Nein antworten können. Was wäre damit gewonnen in dieser Situation? Für Jesus ist zuerst einmal wichtig, dass die beiden sich darüber im Klaren werden, was sie eigentlich suchen. Wir alle sind Suchende. Menschliches Leben ist eine lebenslange Suche. Aber die spannende Frage ist: Was genau suchen wir eigentlich? Sind wir uns dessen überhaupt bewusst, was wir eigentlich suchen? In der therapeutischen Sprache würde man sagen: „Was ist Deine tiefste Sehnsucht?“ Eine große Frage. Ich habe eine herzliche Freude daran, dass mein Jesus ein Jesus ist, der Menschen für sich gewinnen will, nicht indem er ihnen als erstes Mal erklärt, wer er ist, sondern indem er zuerst mal fragt. Und er fragt nicht nach dem Glaubenswissen, sondern er fragt nach der Sehnsucht. Es geht diesem Jesus um den Menschen. Und die so Angefragten spüren: Dieser Jesus nimmt mich ernst. Es geht ihm nicht in erster Linie um eine möglichst große Zahl an Jüngern, sondern es geht ihm darum, dass sich der einzelne bewusstwird, was ihn antreibt, was ihn eigentlich motiviert, ihm nachzugehen. „Was suchst Du?“


2.     „Kommt und seht!“ – Ich werde eingeladen, ich darf schauen und wahrnehmen
Und die Jünger antworten überraschender Weise mit einer Gegenfrage: „Rabbi, wo wohnst Du?“ Wo der Mensch wohnt, da ist er Zuhause, da ist er ganz er selbst. Hinter der Frage „Wo wohnst Du?“ steckt die Sehnsucht, diesen Jesus persönlich kennenzulernen: „Wir wollen wissen, wer Du bist! Das wollen wir erfahren, indem wir dort sein dürfen bei Dir und mit Dir, wo Du wohnst.“ Jesus antwortet nicht, indem er seine Anschrift verrät, sondern er antwortet mit einer ungeheuer schönen spontanen Einladung: „Kommt und seht!“ Jesus lädt ein zu sich selber, ohne jede Vorleistung, ohne den Personalausweis, ohne das Taufzeugnis vorlegen zu müssen. „Kommt und seht!“ Jesus lädt ein, seine Gastfreundschaft zu erfahren und zu erleben, indem die beiden einfach schauen dürfen: „Seht!“ „Schaut euch um bei mir, schaut, wo ich lebe, also auch wie ich lebe. Schaut euch das gut an und spürt, wie es euch dann da geht bei mir. Ihr dürft einfach mal schauen, genau hinschauen, wie ich so lebe.“ Wer von uns würde sich über eine solche Einladung nicht freuen?


3.     „Sie blieben jenen Tag bei ihm.“ Ich darf bleiben und darf auch weitergehen
Und die beiden – sie machen keinen Blitzbesuch. Schauen muss man in aller Ruhe, wenn man wirklich sehen will, was man sehen will. „Sie blieben jenen Tag bei ihm“, berichtet das Evangelium. Jesus hat sich Zeit genommen für seine Gäste. Und Jesus hat ihnen Zeit gegeben, bei ihm zu verweilen. Das Evangelium erzählt uns nicht, wie die drei die gemeinsame Zeit gestaltet haben. Was sie gesprochen haben, gegessen haben, ob sie gelacht haben oder im Erzählen schmerzlicher Erfahrungen gemeinsam geweint, all das wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass Jesus nichts, aber auch gar nicht unternommen hat, um die beiden festzuhalten. Eine Anmeldung zur Jüngerschaftsschule mit der Zusage, später für Jesus das Leben hinzugeben, mussten sie nicht unterschreiben. „Sie blieben jenen Tag bei ihm,“ erzählt uns auch nichts darüber, was die beiden am folgenden Tag gemacht haben. Wir wissen nicht, ob sie bei Jesus geblieben sind oder ob sie nach der Erfahrung, angefragt und ernstgenommen zu werden – „Was sucht ihr?“ – und eingeladen worden zu sein zum Schauen – „Kommt und seht!“ – vielleicht wieder in ihr altes Leben zurückgegangen sind. Aber wir wissen: Jesus schenkt ihnen alle Freiheit! Amen.




Dreifaches Ja

Fest der Taufe Jesu, 10. Jan. 2010, SM und SH

Das kleine Wörtchen JA ist immer wieder von enormer Bedeutung: „JA, ist stehe weiterhin zu Dir und bleibe an Deiner Seite, obwohl Du mich enttäuscht hast.“ „JA, ich spende etwas von meinem Überfluss und verhindere damit, dass andere verhungern.“ „JA, ich übernehme Verantwortung und betreue einen alten oder geistig behinderten Menschen.“ Wie lebens-notwendig für uns alle dieses kleine Wörtchen JA ist, sehen wir im Blick auf den allersten Anfang unseres Lebens: Als meine Mutter bemerkte, dass sie schwanger war mit mir, da hat sie zu mir Ja gesagt. Das haben wir doch alle gemeinsam: Am Anfang unseres irdischen Lebens steht das JA der Mutter und vielleicht auch das JA des Vaters zu mir und meinem Leben. Ohne dieses Ja gäbe es mich nicht.

1. Gott sagt Ja zu mir in der Taufe                                                                                                     So wie am Anfang unseres irdischen Lebens das JA unserer Mutter bzw. unserer Eltern steht zu mir und meinem Leben, so steht am Anfang unseres ewigen Lebens das JA Gottes zu mir. Und dieses JA Gottes zu mir drückt sich nirgends eindeutiger und ausdrücklicher aus als in der Taufe. „Du bist mein geliebter Sohn!“ So hört Jesus bei seiner Taufe im Jordan die Stimme des himmlischen Vaters. Dieses bedingungslose angenommen sein, diese bedingungslose Liebe ist nicht allein Jesus vorbehalten, sondern ebenso gilt sie Dir und mir. Diese Zusage Gottes „Du bist mein geliebtes Kind!“ bedeutet doch genau dies: „Ich sage ganz und gar und für immer JA zu Dir!“ In unserer Taufe hat Gott uns dies ein für allemal zugesagt. Die Gotteskindschaft, in die wir hineingetauft sind, beinhaltet das immer neue, ja das ständige JA Gottes zu mir. Trotz meiner Fehler und Schwächen bejaht Gott mich und mein Leben, so wie es ist, Tag für Tag. Als getaufte Christin, als getaufter Christ leben zu dürfen, heißt leben im JA Gottes. Dieses JA Gottes zu uns Menschen hat ein menschliches Gesicht bekommen in Jesus Christus. Die Menschwerdung Gottes in diesem Jesus von Nazareth ist die ungeheure Zusage, dass trotz aller Vergehen und Verbrechen, trotz aller verabscheuungswürdigen Dinge, die Menschen getan haben und tun, Gott sich nicht abhalten lässt: Seine Liebe ist so groß, dass er jeden Tag aufs Neue sein JA sagt zu uns Menschen, JA sagt zu jeder und jedem einzelnen von uns. Gott sagt JA zu mir. Und ich?

2. Mein Ja zu Gott als Antwort auf die Taufgnade                                                                         Ich kann diesem JA Gottes gegenüber distanziert bleiben. Ich kann so tun, als ob es mich existentiell nicht berührt. Ich kann mich der immer neuen Zuwendung Gottes verschließen. Oder ich kann den Anruf und die Einladung Gottes vernehmen, auf sein großes JA zu antworten. Weil Gott JA sagt zu mir, kann und darf auch ich JA sagen zum Leben, JA sagen zum eigenen Leben und zu einem Leben miteinander – trotz allem Unzulänglichen. Gottes JA lädt auch mich nicht zuletzt auch ein, von Herzen JA zu sagen zu ihm selber, zu Gott. Wenn ich Gott Raum gebe im eigenen Leben, im Denken und Tun, im Gebet, im Herzen, dann sage ich JA zu Gott, dann erwidere ich sein vorausgehendes und grund-legendes JA zu mir. Gott ist und bleibt Gott – auch ohne mein JA. Aber durch mein JA zu Gott gewinnt Gott an Glanz und Gewicht, durch mein JA zu Gott wird Gott lebendig für mich, gewinnt mein Leben an Lebendigkeit und an Lebens-wert. 

3. Mein Ja zur weiten Kirche als Wohn- und Wirk-Raum Gottes                                                   Es gibt sicherlich Menschen, die ganz bewusst JA sagen zum dreifaltigen Gott – ohne die Kirche. Doch ist es normaler und sinnvoller Weise so, dass jemand, der im JA zu Gott leben will, dies auch tut innerhalb der konkreten Gemeinschaft der Kirche. Ist ein Leben in und mit der Kirche nicht eine Hilfe, das JA zu Gott auch ganz persönlich zu leben? So soll es jedenfalls sein. Die Kirche will mein JA zu Gott ermöglichen und fördern, will mein JA zu Gott wachsen lassen. Nicht zuletzt im Empfang der Sakramente, welche die Kirche uns reicht, wird unser JA zu Gott immer neu aktualisiert und vertieft. Welcher Art ist denn diese Kirche, die wir gleich im Credo als eine Frucht des Heiligen Geistes bekennen? Kirche stellt sich heute dar auf besonders vielfältige, ja oft genug unterschiedliche Art und Weise. Es ist nicht immer einfach zu sagen, zu erkennen, zu verstehen, was und wo „die Kirche“ ist – bei einer gewissen Pluralität der Vorstellungen von Kirche. Während die einen JA sagen wollen zu einer Kirche, welche die Menschen unserer Tage für den Glauben gewinnen will, indem sie belehrt, indem sie also in einem möglichst umfangreichen Glaubenswissen, durch die Kenntnis des Katechismus die Menschen für die Kirche gewinnen will, wollen andere JA sagen zu einer Kirche, welche sich den Menschen an die Seite stellt, indem sie diese begleitet, indem sie also die Menschen wahr- und ernstnimmt… Belehren oder begleiten – was ist die Aufgabe der Kirche? Zu welcher Kirche möchten Sie JA sagen, weil Sie zu Gott JA sagen wollen? Diese beiden hier stark vereinfacht skizzierten Vorstellungen von Kirche widersprechen sich nicht, sondern sie ergänzen sich. Kirche ist beides und Kirche sie ist noch viel mehr. Kirche ist ein weltumspannendes Geheimnis, das für jede und jeden offen ist, der JA sagen will zu Gott. Im Schutz- und Lebensraum dieser weiten Kirche will unser JA zu Gott sich immer neu entfalten und entzünden.                                                                                   Weil meine Mutter JA gesagt hat zu mir lange vor meiner Geburt, darf ich leben. Weil Gott JA gesagt hat zu mir in der Taufe, bin ich berufen zum ewigen Leben. Antworten wir ganz bewusst mit unserem JA zu Gott in Jesus Christus durch den Heiligen Geist. Leben wir dieses JA in der Gemeinschaft einer Kirche, die vielfältig ist, die sowohl belehrt als auch begleitet, die Menschen einlädt, ihr JA zu Gott zu leben – jeden Tag neu, jeden Tag noch mehr. Dank sei diesem Gott für die Gnade unserer Taufe, für sein endlos liebendes JA zu mir. Amen.

Licht des Lebens

2. Sonntag der Weihnachtszeit 03. Jan. 2021

Vielleicht neigen wir alle manchmal dazu, das Leben als schwarz oder weiß zu betrachten und zu wenig zu sehen, dass das Leben nie nur schwarz oder nie nur weiß ist, sondern sich in unterschiedlichsten Grautönen darstellt. Ich nenne das die Fähigkeit zur differenzierten Wahrnehmung. Die ist ganz wichtig, um dem komplexen Phänomen des Lebens, oder anders gesagt: um dem Menschen überhaupt gerecht zu werden.

1. Das Leben umschreiben in Gegensätzen

Darüber hätte ich gerne diskutiert mit dem Evangelisten und Lieblingsjünger Jesu Johannes. Für Johannes ist es nämlich typisch, in seiner Sprechweise, oder besser: in seiner Denkweise das Leben in Gegensätzen zu beschreiben, also als schwarz oder weiß darzustellen. „Das Licht leuchtet in der Finsternis.“ So fasst Johannes die Weihnachtsbotschaft zusammen, wie wir gerade hörten (Joh 1,5). Licht und Finsternis ist eines der Begriffspaare, mit denen Johannes auf die Gegensätze unseres Lebens aufmerksam macht. Natürlich gibt es mancherlei Dunkel in unserem Leben, aber das Leben ist eben nie nur finster. Natürlich gibt es viele Lichtgestalten, aber das jemand von sich behaupten könne, er wäre immer im Licht, so etwas gibt es doch nicht... Nicht dass Sie denken, ich möchte den Evangelisten Johannes korrigieren. Ich will nur aufmerksam machen auf eine bestimmte Eigenart einer Sprech- und Denkweise, die wir so nicht 1:1 für uns übernehmen brauchen. Aber: Was ist denn die Botschaft, was ist das Anliegen, was möchte uns das Evangelium mitgeben für unser Leben, wenn wir in dieser Weihnachtszeit in johanneischer Sprache hören: „Das Licht leuchtet in der Finsternis“?

2. Die Botschaft vom Leben bringt Licht

Es geht ums Leben. Gott geht es um unser Leben. Der Bibel geht es um unser Leben. Dem Evangelisten Johannes geht es ganz ausdrücklich um unser Leben, denn das Wort „Leben“ kommt über 70mal in seinem Evangelium vor. Jesus Christus kommt als Sohn Gottes in diese unsere Welt um unseres Lebens willen. Es geht darum, dass unser Leben trotz aller Grenzen, Widrigkeiten und Belastungen gelingt. Und es geht darum, dass unser Leben in seiner Vergänglichkeit uns hinführt ins Leben der Ewigkeit. Es geht letztlich um ein unendliches, ein überfließendes, ein sich unvorstellbar endlos steigerndes Leben... Darum geht es! Und der Evangelist Johannes weiß sehr wohl, dass unsere konkrete Lebens-Erfahrung es uns manchmal schwermacht, dieser Botschaft vom Leben unser Ohr zu leihen bzw. unser Herz zu öffnen. Johannes weiß sehr wohl, dass unser Leben oft genug vom Keim des Todes infiziert ist, wenn wir leben in Streit, in Krankheit, in Einsamkeit, in Verbitterung. Da kommen wir so weit weg vom Leben. All das fasst Johannes zusammen im Begriff der Finsternis. Nacht, Dunkel, Finsternis, das ist etwas, was wir alle von Kindheit an kennen und so nicht lieben bzw. sogar fürchten, die Finsternis ist eindeutig negativ besetzt als Erfahrung für ein nicht gelingendes und nicht pulsierendes Leben. Und so wie die Strahlen der Sonne für uns alle Lichtstrahlen sind, die uns nicht nur Vitamin D spenden, sondern die uns an Leib und Seele guttun, weil wir Menschen eben Menschen sind und weil wir nur im Licht gedeihen, blühen und wachsen können, darum fasst Johannes seine Weihnachtsbotschaft so zusammen: „Das Licht leuchtet in der Finsternis.“ Jesus Christus, dieses zarte kleine Kind, das da irgendwo am Ende der Welt in äußerster Armut geboren wurde, in diesem Kind bricht ein Licht in diese Welt, welches die Kraft hat, die Finsternis zu vertreiben. Denn in diesem Kind wird uns geschenkt der Anfang des ewigen Lebens und die Quelle für ein Leben, das trotz aller Bedrängnisse unbedingt lebenswert ist.

3. Die Menschwerdung des Lebens erleuchtet jeden Menschen

Insofern finde ich die Botschaft des Johannes wunderschön und finde seine Bildworte von Licht und Finsternis auch sehr zutreffend und gut nachvollziehbar – ohne dass ich dabei die Differenziertheit der Lebenswirklichkeit mit ihren vielen Grautönen außer Acht lasse. Überlesen möchte ich schließlich nicht, dass Johannes seine weihnachtliche Botschaft vom Jesus-Licht, das in der Finsternis Leuchtkraft hat, auf die Spitze treibt, wenn er dann sogar sagt: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Welche Behauptung! Dass Jesus Leuchtkraft hat für all jene, die an ihn glauben, dürfte niemand bezweifeln. Aber wenn das wahr ist, was Johannes hier formuliert, dass in diesem Fleisch gewordenen Wort Gottes, in diesem Kind Mariens ein Licht in diese Welt gekommen ist, das wir als das „wahre Licht“ bezeichnen können, ein Licht, dessen Leuchtkraft nicht nur positive Auswirkungen hat für all jene, die sich diesem Licht bewusst zuwenden, sondern wirklich für „jeden Menschen“, dann hat das ungeahnte Konsequenzen… Im selben Johannesevangelium wird Jesus als der „Retter der Welt“ bezeichnet (Joh 4,42) und kann dieser Jesus von sich sagen: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12). Im Kosmos, in dem wir leben, gibt es dafür wohl kein stärkeres Bild als das der Sonne. Ja, so betrachtet und so geglaubt dürfen wir sagen: Dieser um unseres Lebens willen geborene Jesus IST die Sonne. Da bin ich abschließend wieder bei jener Liedstrophe von Paul Gerhardt, die ich mit Ihnen in meiner Weihnachtspredigt betrachtet hatte: „Ich lag in tiefster Todesnacht, Du warest meine Sonne. Die Sonne, die mir zugebracht, Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht´, wie schön sind Deine Strahlen.“ Amen.

Im Ungewissen

Predigt am Neujahrstag 2021


Der Gott im Ungewissen geht mit uns in dieses neue Jahr 2021. Liebe Schwestern und Brüder, wir wären jetzt nicht hier zusammengekommen, wenn wir nicht alle uns wünschen würden, dass Gott mit uns geht in dieses neue Jahr. Es ist ja immer so, dass uns am Anfang eines neuen Jahres bewusstwird, dass wir manches nicht voraussehen und nicht planen können, es gibt immer Ungewissheiten im Blick auf unsere Zukunft. Das ist nichts Außergewöhnliches.
Außergewöhnlich finde ich aber sehr wohl, dass am Anfang dieses Jahres 2021 uns alle ein gemeinsamer Wunsch zutiefst verbindet: Es ist der Wunsch, dass wir in diesem Jahr die weltweite Pandemie überwinden, dass wir wieder ohne Abstandsregeln und Masken uns treffen und versammeln, unsere Geburtstage mit Freunden feiern und Restaurants und Kinos besuchen können. Vor allem wünschen wir uns alle, dass wir selber gesund bleiben und dass die Kranken wieder gesundwerden. Auch wenn wir auf unterschiedliche Weise unterschiedlich stark betroffen sind, so verbindet uns doch alle, und zwar wirklich alle Menschen auf dieser weiten Welt der Wunsch, dass in diesem Jahr die Pandemie ein Ende findet.

So sehr wir alle verbunden sind durch diesen gemeinsamen Wunsch, so sehr sehen wir uns doch auch alle in gleicher Weise ausgeliefert und insofern auch verbunden in einer tiefen Ungewissheit: Es weiß eben niemand, welchen Verlauf die Pandemie noch nehmen wird, wie schnell der Impfstoff seine Wirkung zeigt, wann wir die Sorge endlich hinter uns lassen können, uns möglichst nicht zu infizieren – was für Menschen der Risikogruppen wohl eher eine Angst bedeutet als eine Sorge.
Wir haben im letzten Jahr schon ein gutes Stück weit gelernt, mit Ungewissheiten zu leben, da ja kaum noch etwas planbar war. Aber dieses neue Jahr zu beginnen in dem Bewusstsein, dass es für uns alle ein Jahr großer gemeinsamer Ungewissheit ist und bis auf Weiteres bleiben wird, fällt uns allen nicht leicht.

Wo ist da Gott? Ist denn nicht Gott gerade der, den wir glauben dürfen als einen Felsen in der Brandung, als den, der uns in allen Gefahren und Bedrohungen festen Halt gibt und dem wir unerschütterlich vertrauen können? Können wir uns etwa auf diesen Gott im Jahr der Ungewissheit nicht mehr verlassen? Oder sind wir mit all unserer Ungewissheit sogar von Gott verlassen?
Wie war es denn bestellt um die Gewissheit in der Weihnachtsgeschichte? Ungewiss war für die Hirten, als sie die Stalltür wieder zumachten, wie es weitergehen wird mit diesem Kind. Ungewiss war für Maria die Sache mit Jesus eigentlich von allem Anfang an: plötzlich schwanger, obwohl sie mit keinem Mann zusammengekommen war; dann die Herbergssuche; dann die Flucht nach Ägypten bis hin zum Aufstieg auf den Berg Golgota. Wer hat so viel Ungewissheit erduldet wie Maria – jene Frau, welche die Kirche heute am Neujahrstag in den Mittelpunkt des Gottesdienstes rückt? Ungewiss war für Josef, wie er seine Rolle gegenüber diesem Kind seiner Braut wahrnehmen und ausüben soll, und die Flucht vor dem Wahn des Herodes war nicht zuletzt die reinste Ungewissheit.
Menschen also, die Jesus ganz besonders nah standen, wurden von Ungewissheiten nicht nur nicht verschont, sondern sie wurden überhäuft mit Ungewissheiten –  beinahe hätte ich gesagt: Sie wurden von Gott überhäuft mit Ungewissheiten… 

Schickt Gott uns Menschen Ungewissheiten? Als ob Gott etwa fürchten würde, dass wir ihn nicht mehr brauchen, wenn in unserem Leben alles läuft nach Plan, wenn alles berechenbar, kalkulierbar und vorhersehbar ist? Vielleicht kommt es meiner Beziehung zu Gott zu Gute, wenn ich mit mancher Ungewissheit konfrontiert werde, damit ich mich wieder auseinandersetzen mit der Frage, was meinem Leben letztlich Halt gibt und Sinn und Orientierung, damit ich mich wieder bewusst auseinandersetzen mit der Frage, was er eigentlich bedeutet für mich, dieser Gott?
Eins steht fest: Gott scheut nicht das Ungewisse. Er hat seinen geliebten Sohn sozusagen in die Ungewissheit selbst hineingeboren. Damit ist dieser menschenzugewandte und menschenliebende Gott sozusagen der Gott im Ungewissen geworden. Je ungewisser unsere Zukunft ist, je näher will Gott uns sein.

So gesehen, liebe Schwestern und Brüder, könnte ein ganz besonderes Jahr vor uns liegen. Die Ungewissheiten im Blick auf die Entwicklung der Pandemie sind für uns alle unangenehm und schwierig. Da wollen wir endlich durch. Ja. Das will Gott auch.
Aber Gott will nicht, dass wir uns beklagen ob der Ungewissheit, sondern Gott will, dass wir uns auftun und aufstehen und aufblicken und aufbrechen und uns aufmachen. Ungewissheit erlaubt kein Stehenbleiben. Ungewissheit heißt Dynamik, Veränderung, Entwicklung, Neuausrichtung. Auf was kommt es an? Wo ist der Gott, der mich an der Hand nimmt und der zu mir sagt: „Wenn Dein nächster Schritt auch ungewiss sein mag: Du gehst ihn nicht allein, ich bin da, ich bin an Deiner Seite, auf mich kannst Du bauen. Mich, Deinen Gott, schreckt die Ungewissheit nicht. Suche mich im Ungewissen und finde mich im Ungewissen!“ Und die Ungewissheit kann Dir zum Segen werden. Ein reich gesegnetes neues Jahr 2021 wünsche ich uns allen!

Ein Lied geht um die Welt

Predigt zum Jahresabschluss 2020

Ein Lied geht um die Welt, so heißt ein Film von Richard Oswald, der am 09. Mai 1933 erstmals ausgestrahlt wurde. Das in diesem Film vorgetragene gleichnamige Lied wurde von Hans May komponiert und später von verschiedenen Sängern immer wieder aufgeführt. Der Liedtext heißt:

Ein Lied geht um die Welt. Ein Lied, das euch gefällt.

Die Melodie erreicht die Sterne. Jeder von uns hört sie so gerne.

Von Liebe singt das Lied, Von Treue singt das Lied,

Und es wird nie verklingen, Man wird es ewig singen.

Fliegt auch die Zeit, Das Lied bleibt in Ewigkeit.


Dieses erfolgreiche Lied hat einen, wie ich finde, schönen Text: Von Liebe und von Treue ist da die Rede. Der Text hat auch einen gewissen Stolz, denn er behauptet, dass dieses Lied die Sterne erreichen und dass man es ewig singen wird. Gibt es ein solches Lied überhaupt? Wenn es ein solches Lied gibt, ist es dann vielleicht das Lied von jener Liebe und von jener Treue, welche uns Gott in Jesus Christus ins Herz gesungen hat? In diesen weihnachtlichen Tagen feiern wir mit allen Christinnen und Christen unserer Erde gleichsam die Menschwerdung dieses Liedes. In Jesus Christus hat es Stimme bekommen:

Ein Lied geht um die Welt. Ein Lied, das euch gefällt.

Die Melodie erreicht die Sterne. Jeder von uns hört sie so gerne.

Von Liebe singt das Lied, Von Treue singt das Lied,

Und es wird nie verklingen, Man wird es ewig singen.

Fliegt auch die Zeit, Das Lied bleibt in Ewigkeit.


Im zu Ende gehenden Jahr 2020 ging auch ein Lied um diese unsere Welt, allerdings nicht eines, das von Liebe und Treue singt, sondern ein Lied, das singt von Infektionen, Krankheiten, Leid, Angst und Tod. Ein schweres und dunkles Lied, das tatsächlich um die ganze Welt ging und dass das Leben auf dieser Welt veränderte – in einer Schnelligkeit und in einem Ausmaß, wie wir es so noch nie zuvor erlebt haben. So könnten wir heute ein Lied der Klage anstimmen, denn wir alle sind betroffen von der Disharmonie, ja von den schmerzlichen Klängen dieses Liedes – auch wenn unser Betroffensein ganz unterschiedlich ist.

Wir sind heute zusammengekommen, um dieses Jahr zu beschließen in der Feier der Eucharistie, also der Feier der großen Danksagung der Kirche. Darum dürfen in dem Lied, das wir im Rückblick auf dieses vergangene Jahr 2020 anstimmen wollen, auch die guten und freudigen Klänge der Dankbarkeit überwiegen.

Schade, dass wir es nicht tatsächlich gemeinsam anstimmen und singen dürfen, das Lied der Dankbarkeit, aber ich (?) darf es Ihnen nachher vorsingen und Sie sind eingeladen, innerlich miteinzustimmen. Wie treffend empfinde ich da den Text des Liedes „Singt dem Herrn ein neues Lied, niemand soll´s euch wehren; dass das Trauern ferne flieht, singet Gott zu Ehren. Preist den Herrn, der niemals ruht, der auch heute noch Wunder tut, seinen Ruhm zu mehren.“ Wissen Sie, wann Georg Kempf diesen Text geschrieben hat? Im Jahr 1941, also mitten im 2. Weltkrieg. Darum finde ich die zweite und die dritte Strophe wirklich beeindruckend: „Täglich neu ist seine Gnad über uns und allen. Lasst sein Lob durch Wort und Tat täglich neu erschallen. Führt auch unser Weg durch Nacht, bleibt doch seines Armes Macht über unserm Wallen. Hat er nicht zu aller Zeit uns bisher getragen und geführt durch allen Streit? Sollten wir verzagen? Seine Schar verlässt er nicht, und in dieser Zuversicht darf sie´s fröhlich wagen.“ Ein solches Lied, inmitten der finsteren Nacht des Weltkrieges geschrieben, ist wahrlich ein Lied des Glaubens. Es liegt an uns Christinnen und Christen, dass wir in die Haltung dieses Liedes miteinstimmen und dass wir dazu beitragen, dass dieses Lied das Lied ist, das um die Welt geht – weil es die Welt braucht, weil es die Welt verdient hat, weil es heilsam ist inmitten aller Sorgen und Nöte, mit denen wir heute Nacht ins Jahr 2021 schreiten werden. Grund dazu gibt uns, was wir in diesen Tagen wieder feiern dürfen: Das Wort Gottes ist Fleisch geworden für uns. Gott bleibt nicht auf Abstand zu diesen unberechenbaren Menschen und ihren Schicksalen, sondern Gott steigt ein in diese unsere Welt. Sein Wort bekommt ein menschliches Gesicht und ein menschliches Herz, ein Herz, das mit uns fühlt und mit uns leidet, ein Herz, das aber auch mit uns den Gott preisen will, der auch in aller Bedrängnis allen Lobes würdig ist. Und so lautet die vierte und letzte Strophe: „Darum lasst uns Lob und Preis vor sein Antlitz bringen und auf seines Worts Geheiß neue Lieder singen. Allsoweit die Sonne sieht, singt dem Herrn ein neues Lied, lasst es hell erklingen.“ Ein Lied geht um die Welt. Und wir dürfen mit einstimmen. Amen.