Lopreisen und austeilen- wider alle Bedürftigkeit

Predigt am 02.08.20 in St. Hedwig, Kempten

 

Wir alle sind bedürftig. Wir sind in vielfacher Hinsicht Bedürftige. Wir sind bedürftig nach Zuwendung und Zärtlichkeit, bedürftig nach Verständnis und Vertrauen, bedürftig nach Güte und Geborgenheit. Nicht zuletzt kennen wir die tägliche Bedürftigkeit von Durst und Hunger. Und Gott? Weiß Gott um unsere Bedürftigkeit? Und wenn Ja: Wie reagiert Er darauf?

 

1.   Die wahre Bedürftigkeit lässt sich nicht stillen mit Geld…

Der Prophet Jesaja hatte uns in der heutigen Lesung (55, 1-3) angeboten, Getreide, Wein und Milch genießen zu dürfen – auch ohne Bezahlung. Und er fragt provokant: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht?“ Das klingt doch so, als ob das, was wir mit unserem Geld einkaufen können, uns nicht wirklich satt machen kann…? Ja, die Bedürftigkeit des Menschen reicht tiefer. Ohne Geld werden wir all das bekommen, was unseren Hunger und unseren Durst stillt, sagt Jesaja. Das ist keine Anleitung zum Diebstahl im Supermarkt. Aber was ist es sonst? Bemerkenswert, dass Jesaja eine Aufforderung Gottes dreimal wiederholt: „Hört auf mich! Neigt euer Ohr mir zu! Hört, und ihr werdet leben!“ Letzten Sonntag begegneten wir dem jungen Samuel, der nur eine Bitte hatte an Gott: Die Bitte um ein hörendes Herz! Wenn wir Gott unser Ohr öffnen, dann werden wir empfangen dürfen, wonach wir bedürftig sind – und zwar gratias. Das ist die kühne Behauptung – zunächst des Alten Testamentes.

 

2.   Jesus beantwortet die Bedürftigkeit der Fünftausend mit einem Auftrag…

Und was macht Jesus? Jesus hatte Mitleid mit den vielen Menschen, die ihm nachgelaufen waren und ihn an dem einsamen Ort, an dem er gerne mal alleine gewesen wäre, aufgespürt hatten. Er heilt die Kranken. Und er hat Mitleid, berichtet der Evangelist (in Mt 14, 13-21). Jesus hat Mitleid, weil er sieht und weil er spürt, wie schwer sich viele Menschen tun mit ihrer Bedürftigkeit. Die heilsame Begegnung mit den vielen, vielen Menschen – am Schluss hören wir von 5000 Familien: So viele würden wir nicht mal auf dem Hildegardplatz [in Kempten] unterbringen, wenn wir am 03. Oktober dorthin einladen werden zur Aktion „Deutschland singt“, um für 30 Jahre wiedergewonnene Einheit in unseren Land zu danken… – diese heilsame Begegnung Jesu mit den vielen Bedürftigen dauerte bis zum Abend. Nun machen sich die Jünger Sorge um die Bedürftigkeit des zunehmenden Hungers. Darum soll Jesus die Leute wegschicken, fordern sie. Aber Jesus sagt: Nein, sie brauchen nicht wegzugehen. Und jetzt passiert, was Jesaja angekündigt hatte, dass unsere Bedürftigkeit uns zunächst mal zum Hören verleiten will. Denn die Jünger hören jetzt die Worte Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Sie hören diese Worte ihres Meisters sicherlich voll Erstaunen oder sogar mit Verständnislosigkeit. Natürlich hatten die Jünger keine Vorräte dabei, die ausreichend gewesen wären, um so viele Menschen am Abend eines langen Tages zu sättigen. Aber Jesus antwortet auf diese Bedürftigkeit mit diesem klaren Auftrag: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Er hätte ja auch sagen können: „Macht Euch doch keine Sorgen! Lasst mich mal machen! Passt gut auf: Ich wirke jetzt ein Sättigungswunder…“ Nein, das sagt Jesus nicht. Die Ohren der Jünger hören den Auftrag Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ 

Der uns allen bekannte Sieger Köder hat bei dieser Szene Jesus nicht als Hauptperson in die Mitte des nun folgenden Wunders der Brotvermehrung gezeichnet, sondern Jesus tritt völlig in den Hintergrund. Die Akteure sind seine Jünger. Sie hatten die Bedürftigkeit der Menschen wahrgenommen, sie hatten sich an Jesus gewandt, sie hatten gehört, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. All das ist wichtig. Aber noch ist davon keiner satt geworden…

 

3.   Das Wenige sättigt Viele durch Lobpreis und Teilen

Wenn jemand mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Familien satt machen kann, dann kann er das doch auch ohne diese lächerlichen Gaben… – könnte man meinen. Nein. Jesus braucht, um den Hunger der Vielen sättigen zu können, diese wenigen Gaben. „Gebt ihr ihnen zu essen!“ weist die Jünger schonungslos darauf hin, dass das, was sie haben, völlig unzureichend ist. Und doch ist das, was sie haben, die Voraussetzung dafür, dass alle satt werden können, ja dass sogar noch übrig bleibt von dem, worüber Jesus den Lobpreis gesprochen und was er dann gebrochen, also geteilt hat. Die Jünger hören! Die Jünger nehmen den Auftrag Jesu an und bringen das wenige, was sie haben! Jesus spricht den Lobpreis über dieses Wenige! Und Jesus bricht das Brot! Und keiner beschwert sich, dass auf dem Brot die Butter fehlt oder die Salami. Dieses Brot sättigt alle. Das so wenige Brot, über das der Lobpreis gesprochen und das dann geteilt wurde, dieses Brot sättigt alle…

Die Kirche von heute und noch mehr die Kirche von morgen sehe ich ganz und gar in dieser Situation der Jünger im heutigen Evangelium. Die Kirche weiß um die ungeheuer vielen Bedürftigkeiten, die wir moderne Menschen haben, die Kirche weiß um den Hunger und den Durst, der die Seelen der neuzeitlichen Menschen plagt. Und die Kirche hat angesichts dieser umwerfend großen Bedürftigkeit so herzlich wenig anzubieten: Es sind wirklich nur fünf Brote und zwei Fische, die wir haben – mehr nicht… Diese Einsicht mag schmerzlich sein, will demütig machen, aber sie ist wichtig und wesentlich. Denn nur dann, wenn wir uns bewusst sind, dass wir selber herzlich wenig anzubieten haben angesichts der so großen Bedürftigkeit der Menschen, werden wir bereit, Jesu Wort zu hören und Jesu Auftrag anzunehmen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ 

Jetzt braucht es nur noch jemanden, der über das Wenige den Lobpreis spricht und es dann bricht und teilt. Der Lobpreis! Vielleicht ist der Lobpries der Knackpunkt…?! Wir lamentieren, dass wir so wenig anzubieten haben. Nein, wir sollten nicht lamentieren. Wir dürfen lernen, für das noch so Wenige zu danken, wir dürfen lernen, mit Jesus zum Himmel aufzublicken und den Lobpreis zu sprechen – aus tiefstem Herzen. Wenn wir Gott für das noch so Wenige loben können, dann dürfen wir mutig brechen und austeilen, was wir haben. Vielleicht werden wir dann staunen, dass diese wenigen, aber vom Lobpreis gesegneten Gaben so Viele zu sättigen vermag…?! Amen.

 

Senfkorn und Sauerteig

Predigt am 19.07.20 zu Mt 13, 31-34a (A/16)
 
Meine Predigt über das kleine Senfkorn habe ich vor 6 Jahren im Blick auf die damalige Fußballweltmeisterschaft so begonnen:
„Mario Götze hätte doch sagen können: „Ich bin recht klein, mir bleibt nur noch ganz wenig Spielzeit, und außerdem bin ich noch so jung...“ Wer aber diese 113. Spielminute damals gesehen hat, der hat erlebt, wie ein einzelner Schuss in einem einzelnen Moment so Vieles in Bewegung bringen und für so viele Sportfans so Großes bewirken kann: „Wir sind Weltmeister!““
 
1.   Reich-Gottes-Logik: Das Große beginnt im Kleinen…
Wieder mal spricht Jesus in seinen beiden Gleichnissen heute über das Himmelreich bzw. über das Reich Gottes – beide Begriffe meinen das Gleiche. Auch auf die Gefahr, dass Sie sagen, ich wiederhole mich: Mir ist ganz wichtig, uns die Reich-Gottes-Botschaft des Neuen Testamentes näher zu bringen. Ich bin überzeugt: Wenn wir dieser Reich-Gottes-Botschaft als einer zentralen jesuanischen Botschaft mehr Aufmerksamkeit und ihr größere Bedeutung geben, lösen sich nicht zuletzt manche Probleme, die wir haben einerseits innerhalb unserer Kirche, sowie andererseits als Kirche in Verbindung mit anderen Glaubensgemeinschaften oder auch mit der Gesellschaft. Darum möchte ich im Blick auf das heutige Evangelium mit Euch eine dreifache Reich-Gottes-Logik betrachten.
Die erste Reich-Gottes-Logik heißt: Das Große beginnt im Kleinen. Das große Tor, das uns vor 6 Jahren zu Fußballweltmeistern machte, hat ein kleingewachsener Torschütze geschossen zu einem Zeitpunkt, als keiner mehr damit rechnete: In der 113. Spielminute wurde die äußerste Anspannung mit einem einzigen Schuss vom richtigen Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort in einen großen Jubel verwandelt. Dieses Beispiel ist nur teilweise geeignet zu beleuchten: Das Große beginnt im Kleinen.
Mit den Jugendlichen diskutierte ich dieser Tage über Mutter Teresa. Diese Frau ist den Jungen ja nicht mehr bekannt, die meisten von uns Älteren haben sie wenigstens öfter im Fernsehen erlebt oder ihre Bücher gelesen. Dass diese kleine Frau, die in den Slums von Kalkutta die Sterbenden von der Straße holte, zunächst zur Friedensnobelpreisträgerin ernannt und schließlich heilig gesprochen wurde, dass sie einen Orden, der heute weltweit tätig ist im Dienst an den Ärmsten der Armen, hat wachsen lassen, ist sicherlich ein noch besseres Beispiel für das, was uns Jesus im Bildwort vom kleinen Senfkorn sagen will: Das Große beginnt im Kleinen.
Wenn das die erste Reich-Gottes-Logik ist, dann heißt das doch für uns, dass wir noch achtsamer werden wollen für das Kleine. Das Kleine ist nicht klein, das Kleine ist oft genug wertvoll, ja wesentlich, es kann enorm Großes bewirken. Die noch so kleine Geste der Liebe wahrnehmen, die noch so kleine Geste des Dienens nicht übersehen, die noch so kleine Geste der Versöhnung wertschätzen – all das entspricht einer Logik, die das Reich Gottes wachsen lässt. Jetzt und hier. Und: Vielleicht sollten wir dem Mario Götze in uns mehr zutrauen oder der Mutter Teresa in uns mehr vertrauen. Gott kann durch kleine Gesten Großes wachsen lassen.

2.   Reich-Gottes-Logik: Schutzmaßnahmen „durchsäuern“ alles…
Als eine zweite Logik des Reiches Gottes möchte ich im Blick auf den Sauerteig, dem noch keiner ansieht, was er dann tun wird mit dem ganzen Teig, beispielhaft betrachten, dass die Schutzmaßnahmen, zu denen wir in der Pandemie gezwungen werden, auch den ganzen „Teig“ des gesellschaftlichen Lebens „durchsäuern“ und so dem Ganzen dienen können. Häufiges Hände-Desinfizieren, ständig Abstand-halten-müssen und dann diese Masken im Gesicht – keinem von uns gefällt das. Es fällt uns allen nicht leicht, diese Schutzmaßnahmen zu akzeptieren und im Alltag auch anzuwenden. Mir ist ein Vergleich eingefallen: In meiner Kindheit hatten die Autos noch keine Gurte. Als es dann Autos mit Gurten gab, gab es die Empfehlung, man möge doch den Gurt tragen. Das haben viele nicht gemacht. 1976 kam dann die Gurtpflicht: Wer im Auto den Gurt nicht anlegt, der muss Strafe zahlen. Eine Schutzmaßnahme. Seit über 44 Jahren lege ich also den Gurt an, wenn ich ins Auto einsteige. Seit über 44 Jahren habe ich es umsonst getan, denn ich habe den Gurt noch nie gebraucht. Es wäre doch jetzt mal an der Zeit, dass ich endlich ohne Gurt Auto fahre, weil mir die Erfahrung sagt: Ich brauche ja keinen Gurt. Warum mache ich das nicht? Warum trage ich trotzdem den Gurt, obwohl ich ihn noch nie gebraucht habe? Nur weil es Vorschrift ist? Oder auch deshalb, weil ich weiß, dass mir der Gurt eine gewisse Sicherheit bietet im Ernstfall – auch wenn der bei mir noch nie eingetreten ist? Jedes mal wenn ich den Gurt anlege, mache ich mir darüber keine Gedanken. Denn es ist selbstverständlich für mich, dass ich diese Schutzmaßnahme akzeptiere und auch anwende. Manche sagen: Wir hatten doch jetzt so wenig Corona-Tote im Allgäu, wozu brauchen wir da noch die ganzen Schutzmaßnahmem? Die Zahl der Verkehrstoten war noch nie so niedrig wie heute. Würde der Gesetzgeber deshalb die Gurtpflicht abschaffen, würde ich auf jeden Fall weiterhin den Gurt anlegen. Sie auch? Ich glaube, wir tun uns mit den Pandemie-Schutzmaßnahmen nicht zuletzt auch deshalb schwer, weil wir uns noch nicht genug daran gewöhnt haben – womit ich sicher nicht sagen will, dass diese Maßnahmen langfristig bleiben sollen oder dass man nicht über einzelne Regelungen diskutieren kann. 1976 hatte die Gurtpflicht für einen großen Aufschrei gesorgt. Wer wollte schon den Gurt anlegen? Heute ist es selbstverständlich. Vielleicht sollten wir die ganzen Schutzmaßnahmen in der Pandemie, so unschön und lästig sie zweifellos sind, mal so betrachten: Auch wenn ich selber mit den von mir angewandten Schutzmaßnahmen nicht unmittelbar mir selber Gutes tue, weil ich von der möglichen Gefahr gar nicht akut bedroht bin, ist diese Maßnahme doch ein Segen für das größere Ganze: Hätte der Gesetzgeber die Gurtpflicht damals nicht eingeführt, hätten wir die letzten Jahrzehnte auf unseren Straßen wesentlich mehr Schwerverletzte und Tote gehabt. Wenig Sauerteig durchsäuert das Ganze und gibt so dem ganzen Leib Brot die richtige Konsistenz. Für Jesus ist das eine Reich-Gottes-Logik. Vielleicht fällt es uns so etwas leichter, all dem doch einen Sinn abzugewinnen. Wir dürfen mit jeder noch so kleinen Schutzmaßnahme unseren Beitrag leisten für das Ganze.

3.   Reich-Gottes-Logik: Augen auf für das, was wächst
Eine dritte und letzte Reich-Gottes-Logik nenne ich: Augen auf für das, was wächst. Im Blick auf den Leib Brot denkt man nicht mehr an das bisschen Sauerteig. Im Blick auf den groß gewachsenen Senfbaum, in dem die Vögel des Himmels nisten können, denkt man normaler Weise nicht mehr an das winzig kleine Senfkorn, das jenen Baum ins Wachsen brachte. Das, was ich jetzt sehe, ist ja zunächst eine Momentaufnahme: Ich sehe eben das, was und wie es jetzt ist. Was ich nicht unmittelbar sehe, ist der Prozess des Wachstums, der erst ermöglicht hat, dass ich jetzt das sehen kann, was ich jetzt sehe. Unser Jahresthema heißt: „Im Anfang schuf Gott…“ Was ist aus dem göttlichen Wirken am Schöpfungsmorgen alles gewachsen und geworden..? Wenn ich ein Baby sehe, sehe ich einen kleinen Menschen, von dem ich weiß, dass er wachsen wird – und dass er im Mutterschoß bereits herangewachsen ist. Wenn ich einen alten Menschen sehe, dann sehe ich vermeintlich nur einen alten Menschen im Sinne einer Momentaufnahme. Aber sehe ich – wenn ich das sehen will – in diesem alt gewordenen Menschen nicht einen einzigartigen und einmaligen Menschen mit all dem, was in seinem langen Lebensweg gewachsen und geworden ist, wie sie oder er sich entwickelt hat, wie sie oder er gelitten und geliebt hat und was sie oder er geleistet hat? Ist die Momentaufnahme nicht eine Einladung, mehr zu sehen als das, was ich im Augenblick sehe: Nämlich den ganzen Prozess des Wachsens und Reifens? Für mich ist das eine dritte Logik in der jesuanischen Reich-Gottes-Botschaft: Dass wir nämlich mehr sehen können, als wir sehen, wenn wir unsere Augen aufmachen für all das, was wächst.
Ja, das Reich Gottes! Öffnen wir uns für die Reich-Gottes-Botschaft und lassen wir uns von Jesus die Logik des Reiches Gottes erklären. Dazu hat er uns heute in zwei Bildworten dreierlei gesagt:
Das Große beginnt im Kleinen. Mario Götze und Mutter Teresa. Erste Logik.
Das vermeintlich Wenige durchsäuert den ganzen Teig, dient dem Ganzen. Beispiel Schutzmaßnahmen. Zweite Logik.  
Augen auf für das, was wächst. „Im Anfang schuf Gott..“ Oder: im alten Menschen den ganzen Wachstumsprozess sehen lernen. Dritte Logik.
Ich wünsche mir, dass diese jesuanische Logik des Reiches Gottes mein Sehen und Handeln prägt. Amen.
 


Andere aufnehmen – weil ich es mir wert bin…
Predigt am 28.06.2020 zu Mt 10, 37-42

Wir reden heute gerne vom Selbstwertgefühl. Und das hat seine Berechtigung. Wenn eine Persönlichkeit aus welchen Gründen auch immer ein nur schwaches Selbstwertgefühl entwickelt hat, ist sie eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, auf andere Menschen zuzugehen, andere im eigenen Leben ankommen zu lassen.

Im heutigen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium geht es genau um diese Frage: Was bin ich wert und wie kann ich als die- oder derjenige auf andere Menschen zugehen, ja sie sogar aufnehmen?

Das heutige Evangelium kann man in zwei Abschnitte aufteilen: Der erste Teil ist das Ende eines längeren Kapitels, das in der Bibel überschrieben ist „Gefährdung und Ermutigung der Jünger.“ Da sagt Jesus doch tatsächlich dreimal nacheinander, wer seiner "NICHT wert" ist. Da müssen wir erst mal tief durchatmen... Wenn Eltern zu ihrem Kind sagen würden, wenn Du nicht das und das tust oder schaffst, dann bist Du unser nicht wert – dann würden wir sagen: Was sind das für Erziehungsmethoden? Man kann doch ein Kind nicht so unter Druck setzen! Was macht Jesus? Er nennt drei Beispiele für Menschen, die seiner "NICHT wert" sind, und zwar jene, die Vater oder Mutter mehr lieben als ihn, jene, die Sohn oder Tochter mehr lieben als ihn, und jene, die nicht „ihr Kreuz“ auf sich nehmen. Um es Jesus wert zu sein, um also unter dem Blick Jesu im Selbstwert wachsen zu dürfen, sollen wir unsere Liebe zu Mutter und Vater, zu Sohn und Tochter der Liebe zu Jesus offenbar unterordnen und wir sollen bereit sein, „unser Kreuz“ zu tragen und dadurch Jesus nachzufolgen...

Ein Familientherapeut hätte dazu nun ganz viel zu sagen! Was ist denn damit gemeint? Ist Jesus vielleicht eifersüchtig, wenn wir Mutter, Vater, Sohn oder Tochter lieben? Oder: Geht es Jesus darum, dass wir bei aller intensiven Liebe zu unseren Liebsten uns nicht verlieren und innerlich frei bleiben, uns ganz einzusetzen für Gott und für das Reich Gottes? Und geht es beim Kreuztragen vielleicht darum, dass wir irgendwelche Leiden, die das Leben für uns bereit hält, klaglos tragen sollen – ohne zu versuchen, mit allen möglichen Mitteln auch Leid zu überwinden, während es darum geht, am unabänderlichen Leid nicht zu zerbrechen??? Sie merken, ich hänge eigentlich schon in diesem ersten Teil des Evangeliums und den spannenden Fragen, die es uns aufgibt und an denen wir wachsen können…

Dabei ist der zweite Teil nicht weniger spanned. Der ist in der Bibel nämlich der Anfang eines ganz neuen Abschnitts, überschrieben „Die Aufnahme der Jünger.“ Vier Mal spricht Jesus davon, dass wir jemanden "aufnehmen" sollen: nicht nur die Propheten und die Gerechten sollen wir aufnehmen – also jene, die eine Vision haben vom Reich Gottes und die sich glaubwürdig dafür einsetzen, sondern wenn Jesus sagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat,“ denn steckt dahinter doch diese wunderschöne theologisch tiefe und menschenfreundliche Aussage, dass Gott in Jesus und Jesus in jeder und jedem präsent ist, die oder der als Jüngerin oder Jünger Jesu, als Freund des Reiche Gottes anklopft – also letztlich jede und jeder Mensch guten Willens. 

Hier im 10. Kapitel bei Matthäus wird schon vorbereitet die Aussage, die dann in der großen Endzeitrede Jesu so zusammengefasst wird: „Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Damit wird der kleinste und schlichteste Dienst am Nächsten, die einfachste Tat der Nächstenliebe geadelt und gewürdigt als ein kostbarer Ausdruck der Gottesliebe, als Anfang des Reiches Gottes! Wenn wir das doch verinnerlichen würden, wie sehr würde unser Umgang miteinander wert-voller, weil wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu hier einen unüberbietbaren Selbst-wert geschenkt bekommen: Wenn ich auf jemanden zugehe, wenn ich jemanden wahr- und ernstnehme, obwohl er anders ist, vielleicht befremdlich, vielleicht sogar abstoßend, ja wenn ich in dieser Haltung jemand "aufnehme", also ihm Raum gebe in meinem eigenen Leben, dann ist es Gott selber, der bei mir Einzug hält, der Raum gewinnt in meinem Herzen! 

Danke, Jesus! Was für eine frohe Botschaft! In Deinen Augen ist mein Selbstwert unüberbietbar, denn ich kann mit jeder Geste der Zuwendung, durch meine Haltung des "Aufnehmens" eines anderen Menschen Dir selbst begegnen. Und dabei wachsen als Zeugin und Zeuge des Reiches Gottes. Weil ich es mir wert bin... Amen.
 

Kirche oder Reich Gottes?

 

Betrachtung zum 11. Sonntag/A 14.06.2020

Bei unserer Bischofsweihe vor acht Tagen hat Kardinal Marx in seiner Predigt nicht über die Kirche gesprochen, sondern über das Reich Gottes. Das hat mir gut gefallen. Wir haben die letzten Jahrzehnte zu viel von der Kirche gesprochen und zu wenig vom Reich Gottes. Denn das zentrale Thema in den Reden und Gleichnissen Jesu ist das Reich Gottes. Die Kirche hat ihre Existenzberechtigung in dem Maß, wie sie dem Reich Gottes dient. Also ist das Reich Gottes eindeutig die übergeordnete Größe, sprich über das Reich Gottes sollten wir mehr und mehr nachdenken und uns für das Reich Gottes einsetzen. Im heutigen Evangelium finde ich dazu drei Hinweise: 

 

1. Jesus sieht die Müdigkeit, Erschöpfung und Verlorenheit der Menschen 

Zuerst fällt mir auf bei Jesus, wie er die Menschen sieht. Jesus schaut hin, Jesus hat eine gute Wahrnehmung: Er hat Mitleid mit den Menschen (Mt 9,36). In Jesus ist unser Gott ein Gott, der Mitleid hat. Und warum? Er hat Mitleid, weil viele Menschen müde und erschöpft sind – wie Schafe, die keinen Hirten haben. Das sind also Menschen in ihrer Orientierungslosigkeit. Orientierungslosigkeit macht müde und erschöpft. Weiter unten im Text heißt es, die Apostel sollen zu den verlorenen Schafen gehen (Mt 10,6). Müdigkeit, Erschöpfung, Verlorenheit – das ist es, was Jesus damals wahrgenommen hat, wenn er sich die Menschen so ansah. Und wenn Jesus uns Menschen heute anschaut? Ist es da anders? Oder genau so? Damit beginnt Reich Gottes: Dass wir mit Jesus hinschauen und erkennen: Vielen Menschen fehlt Orientierung, sie sind müde, erschöpft und verloren. Sicherlich fällt es uns nicht leicht, diese Sichtweise zuzulassen und ernst zunehmen. Müde, erschöpfte und verlorene Menschen sehnen sich nach dem Reich Gottes… 

 

2. Jesus sendet, die er zuvor gerufen hat 

Das zweite was mir auffällt: Nach seiner Situationsanalyse fragt Jesus nicht: „Was mache ICH jetzt?“ Wir glauben diesen Jesus zwar als „Retter der Welt“. Jesus selbst hat das aber nicht so verstanden, dass er alleine die Welt retten muss. Jesus delegiert. Jesus bevollmächtigt. Denen, die drei Jahre mit ihm unterwegs waren und seine Jüngerschaftsschule erleben durften, denen traut Jesus viel zu. Die Konsequenz, die Jesus aus seinem Mitleid mit den müden, erschöpften und verlorenen Menschen zieht, ist diese: er sendet (Mt 10,5). Ganz bestimmten Menschen gibt Jesus einen ganz bestimmten Auftrag. Das ist Jesu Antwort auf die Bedürftigkeit der Menschen. Er, der selbst vom Vater gesandt ist, er sendet seine Jünger. Jesus selbst hat sein Gesandtsein vom Vater immer wieder erfahren in den Zeiten seines stillen Gebets. Jesus hat immer wieder auf die Stimme des Vaters gehört. Im Hören auf die Stimme des Vaters hat sich Jesus seiner Sendung vergewissert. Und genau so geht es den Zwölf: Sie werden von Jesus zunächst einmal gerufen. „Er rief die Jünger zu sich“, berichtet das Evangelium (Mt 10,1). Die Jünger haben den Anruf Jesu vernommen, seine Stimme gehört, sich dieser Stimme nicht verschlossen. Einzig und allein im Hören auf die Stimme Gottes kann in mir die Gewissheit reifen, dass ich von diesem Gott in Taufe und Firmung tatsächlich auch gesandt bin – hinein in diese Welt. Weder der Katechismus noch die Predigt können das ersetzen: Wir müssen zunächst einmal Hörende sein, in uns hinein Hörende, die Stimme Gottes Hörende, damit wir den Anruf Gottes vernehmen und unser Gesandtsein erkennen können. 

 

3. Jesus sendet mit einem bestimmten Auftrag 

Was kann mir denn passieren, wenn ich hörend entdecke: „Ich bin von Gott gesandt!“? Es kann passieren, dann mir dann bewusst wird, dass Gott einen ganz bestimmten Auftrag für mich hat, den Auftrag nämlich: „Geh und verkünde: Das Himmelreich ist nahe“ (Mt 10,7f)! Aber was heißt das? Im Evangelium konkretisiert Jesus diesen Auftrag so: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ Diese Konkretisierungen sind treffend gewesen für die Jünger zurzeit Jesu. Heute sendet uns Jesus nicht, um Aussätzige rein zu machen, sondern vielleicht dazu, um Flüchtlingen zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen oder um die vielen Formen von Rassismus und Diskriminierung in unserer modernen Welt zu überwinden helfen. „Weckt Tote auf“ könnte heute bedeuten, die Menschen mitten in der schwierigen Zeit der Pandemie aus den Gräbern ihrer Angst und Einsamkeit zu locken hinein in ein Leben, das uns auch heute so viel Zukunft verheißt. Die Konkretisierungen sind also zeitgebunden. Der Grundauftrag bleibt: „Geh und verkünde: Das Himmelreich ist nahe!“ Allem Anschein zum Trotz dürfen wir Christgerufene als Christgesandte davon überzeugt bleiben: Das Himmelreich ist nahe! Und diese Überzeugung will uns nicht still stehen lassen – darum: „Geht!“, und will uns nicht stumm bleiben lassen – darum: „Verkündet!“ 

 

Ja, diese unsere Kirche gibt uns manche Fragen auf, ganz bestimmt. Wichtiger als die Frage nach der Kirche ist die Frage nach dem Reich Gottes. Und wie geht Reich Gottes heute? Schauen wir zunächst hin mit Jesus und erkennen wir, wie viele Menschen müde, erschöpft und verloren sind, so dass in uns Mitleid Raum gewinnt. Lassen wir uns dann von Jesus rufen, um im Hören seiner Stimme unser Gesandtsein immer neu und immer mehr zu entdecken. Und erspüren wir so den Auftrag, mit dem uns Gott ganz konkret heute in unsere Welt sendet. 

Ob uns das herausfordernd und spannend erscheint oder auch mühsam und vielleicht überfordernd: Letztlich entdecken wir genau darin unsere Würde als Getaufte. Jesus traut es uns zu: So wie er gut hinzuschauen, uns gesandt zu wissen und den Auftrag anzunehmen: „Geh und verkünde: Das Himmelreich ist nahe!“ Amen. 

Drei Geschenke

Betrachtung zum Fronleichnamsfest

Ist das nicht wertvoll für uns alle: Gemeinschaft, Nähe und Liebe? Oder anders gefragt: Wer von uns hat nicht eine tiefe Sehnsucht in sich nach einer guten Gemeinschaft, nach der Erfahrung von Nähe und von Liebe? Natürlich ist all das für uns so kostbar im zwischenmenschlichen Bereich. Gemeinschaft zu erfahren mit Menschen, mit denen ich vertraut bin, die Nähe dieser Menschen zu spüren und sich geliebt zu wissen – all das ist im wahrsten Sinn des Wortes für uns Menschen lebensnotwendig…

 

Der heutige Fronleichnamstag lädt uns ein, wieder neu zu entdecken, das genau dies, was für uns Menschen auf menschliche Weise so wesentlich ist, auch für unsere Beziehung mit Gott wesentlich ist. Was nützt uns der Gottesgedanke, wenn wir nicht Gemeinschaft erfahren dürfen mit Gott, wenn wir nicht seine Nähe spüren und wenn wir nicht ganz persönlich die Erfahrung machen: Ich bin von Gott geliebt?

 

Es fasziniert mich immer wieder, so oft ich über das große Geheimnis nachdenke, das heute im Zentrum unserer Feier steht, es fasziniert mich immer wieder, wenn ich über die Eucharistie nachdenke, dass Gott all dies, was für unsere Gottesbeziehung so wesentlich ist, hineingelegt hat in die Eucharistie, die er seiner Kirche anvertraut hat. Wieso schenkt uns Gott gerade in der Eucharistie seine Gemeinschaft, seine Nähe und seine Liebe?

 

In jeder Eucharistiefeier stehen im Mittelpunkt die Wandlungsworte, die der Priester spricht über Brot und Wein. Diese Worte hat Jesus gesprochen im Abendmahlssaal. Und im Neuen Testament sind uns an vier verschiedenen Stellen diese selben Worte wortwörtlich überliefert. Wir dürfen also sicher sein, dass Jesus das tatsächlich so gesagt hat. Das war den Christen von allem Anfang an bewusst. Und das haben sie sehr, sehr hochgeschätzt. Auch für uns will das kostbar sein: Wenn der Priester spricht: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird,“ dann rühren wir hier an das Zentrum unseres Glaubens, dann wird uns in diesen Worte Jesu hier und jetzt angeboten, was Jesus mit diesen Worten im Abendmahlssaal den Aposteln anvertraut hat: eine tiefe Gemeinschaft, eine unüberbietbare Nähe und eine unendliche Liebe. Wieso? Schauen wir kurz näher hin:

 

„Nehmt und esst!“ Das ist die Einladung Jesu, ihn im Brot des Lebens zu empfangen. In der heiligen Kommunion nehmen wir den Leib Christi in uns auf. „Wer dieses Bort isst, wird leben in Ewigkeit,“ verspricht Jesus in der großen Himmelbrotrede, die wir eben gehört haben. Unglaublich! Was ist das für ein Brot? Es ist das ganz andere Brot, es ist das ganz besondere Brot, das Brot des Lebens, in dem uns eine ganz tiefe und lebendige und unmittelbare Gemeinschaft mit Jesus angeboten wird. Danke, Jesus!

 

„Das ist mein Leib!“, sagt Jesus weiter über das Brot. Damit meint Jesus, was er sagt. Dieses Brot ist nicht mehr nur Brot, auch wenn sich für unsere Augen und für unsere Zunge nichts ändert durch die Wandlung. Wir glauben, dass dies durch den Priester konsekrierte Brot wahrhaft der Leib Christi ist, das Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch in diesem Brot lebendig gegenwärtig ist. Kaum zu glauben. Aber genau darum feiern wir heute, was wir feiern: Das Brot ist nicht nur zum Essen da im Empfang der heiligen Kommunion, sondern in diesem Brot ist Jesus Christus real-präsent, wie die Theologen sagen, also wirklich da und wirklich nah. Darum gibt es diese kostbare Monstranz, dieses edle Zeigegefäß, in dem wir heute den Leib Christi durch unsere Straßen getragen hätten. Wir werden nach der heiligen Kommunion die Monstranz auf den Altar stellen und dürfen Jesus anbeten, dürfen spüren: Hier ist er wirklich da! Geheimnis des Glaubens! Danke, Jesus!

 

Und ein Drittes: Jesus sagt: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Der Leib Christi ist also nicht zu essen und nicht anzubeten ohne diese unmittelbare Verknüpfung mit seiner Hingabe, mit seinem Lebensopfer am Kreuz. In jeder Eucharistiefeier geschieht Golgota, wird das Lebensopfer Christi am Kreuz für uns gegenwärtig. Warum glauben wir das? Weil wir wissen, dass Jesus sein Leben hingegeben hat aus unendlicher Liebe zu jeder und jedem einzelnen von uns. Dies mal gehört zu haben, reicht nicht. Sich ans Kreuzesopfer zu erinnern, reicht nicht. Jesus wollte, dass in der Feier der Eucharistie seine Kreuzesliebe wieder aktualisiert wird, so dass wir uns in jeder heiligen Messe gleichsam unter das Kreuz in den Strom seiner unendlichen Liebe stellen dürfen. Und wer von uns braucht nicht diese Liebe? In den sieben Wochen, in denen wir keine Gottesdienste gemeinsam feiern durften, haben wir Priester privat die Eucharistie gefeiert. Warum? Weil in jeder heiligen Messe in der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers die Quelle der göttlichen Liebe aufgetan wird – unabhängig davon, wie viele Gläubige daran teilnehmen. „Dieses Opfer bringe der ganzen Welt Frieden und Heil“, beten wir im 3. Hochgebet. Und Sie sagen dazu: „Amen.“ Was für ein Geheimnis des Glaubens! Danke, Jesus!

 

Gemeinschaft im Empfang der heiligen Kommunion, Nähe in der Anbetung des Altarsakramentes im Tabernakel oder in der Monstranz, Liebe im gläubigen Mitvollzug der heiligen Messe – wie reich sind wir beschenkt, wenn wir bedenken, was uns Jesus in der Eucharistie hinterlassen hat. So lasst uns voll Dankbarkeit das Fronleichnamsfest feiern. Gott schenkt uns, was wir alle brauchen: Seine Gemeinschaft, Nähe und Liebe. Amen.