Seine andere Logik

Predigt am 19.07.26 (A/16) in Petersthal
 

Heute Abend ist das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Dass Mario Götze in der 113. Spielminute ein Tor geschossen und uns Deutsche damit zu Weltmeistern gemacht hatte, ist schon zwölf Jahre her. Manche erinnern sich. Mario Götze ist kein Riese, er ist von kleiner Gestalt. Er war vor zwölf Jahren auch kein erfahrener Profi, sondern ein ganz junges Nachwuchstalent. 

Aber offensichtlich kann auch ein klein gewachsener und noch ganz junger Fußballer etwas Großes bewirken. Daran musste ich denken, als ich die heutigen Gleichnisse Jesu (Mk 13, 31-35) las… Wieder mal spricht Jesus in Gleichnissen über das Himmelreich bzw. über das Reich Gottes – beide Begriffe meinen das Gleiche. Die Reich-Gottes-Botschaft ist zweifellos die zentrale Botschaft Jesu. Sie verdient unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Reich-Gottes-Botschaft bietet uns für viele Fragen und Probleme unsere Welt und Zeit wertvolle Lösungsansätze. Darum möchte ich im Blick auf das heutige Evangelium mit Euch eine dreifache Reich-Gottes-Logik betrachten. 

 

1.    Reich-Gottes-Logik: Das Große beginnt im Kleinen… 

Die erste Reich-Gottes-Logik heißt: Das Große beginnt im Kleinen. 

Wir haben bereits das Beispiel von Mario Götze angeschaut. Mit den Schülern sprach ich über Mutter Teresa. Diese kleine Frau hatte in den Slums von Kalkutta die Sterbenden von der Straße geholt. Sie wurde Friedensnobelpreisträgerin und schließlich wurde sie heilig gesprochen. Ihr Orden ist gewachsen und ist heute weltweit tätig im Dienst an den Ärmsten der Armen. Ein gutes Beispiel für das, was uns Jesus im Bildwort vom kleinen Senfkorn sagen will: Das Große beginnt im Kleinen. 

Wenn das die erste Reich-Gottes-Logik ist, dann heißt das doch für uns, dass wir noch achtsamer werden wollen für das Kleine. Das Kleine ist nicht klein, das Kleine ist oft genug wertvoll, ja wesentlich, es kann enorm Großes bewirken. Der winzig kleine Funke kann ein großes Feuer entfachen. Die noch so kleine Geste der Liebe wahrnehmen, die noch so kleine Geste des Dienens nicht übersehen, die noch so kleine Geste der Versöhnung wertschätzen – all das entspricht einer Logik, die das Reich Gottes wachsen lässt. Jetzt und hier. Und: Vielleicht sollten wir dem Mario Götze in uns oder der Mutter Teresa in uns mehr vertrauen… Gott kann auch durch mich Großes wachsen lassen – oft durch noch so kleine Gesten... 

 

2.    Reich-Gottes-Logik: Schutzmaßnahmen „durchsäuern“ alles… 

Als eine zweite Logik des Reiches Gottes möchte ich im Blick auf den Sauerteig, dem noch keiner ansieht, was er dann tun wird mit dem ganzen Teig, den Sinn so mancher Schutzmaßnahmen betrachten, die wir täglich praktizieren. In meiner Kindheit hatten die Autos noch keine Gurte. Als es dann Autos mit Gurten gab, gab es die Empfehlung, man möge doch den Gurt anlegen. Das haben viele nicht gemacht. 1976 kam dann die Gurtpflicht: Wer im Auto den Gurt nicht anlegt, der muss Strafe zahlen. Eine Schutzmaßnahme. Seit 50 Jahren lege ich also den Gurt an, wenn ich ins Auto einsteige. Seit 50 Jahren habe ich es umsonst getan, denn ich habe den Gurt noch nie gebraucht. Warum lege ich trotzdem immer wieder den Gurt an, obwohl ich ihn noch nie gebraucht habe? Nur weil es Vorschrift ist? Oder weil ich weiß, dass mir der Gurt eine gewisse Sicherheit bietet im Ernstfall, auch wenn der bei mir – Gott sei Danke! – noch nie eingetreten ist? Hätte der Gesetzgeber die Gurtpflicht damals nicht eingeführt, hätten wir die letzten Jahrzehnte auf unseren Straßen wesentlich mehr Schwerverletzte und Tote gehabt. Genauso ist es inzwischen auch selbstverständlich für mich, dass ich aus denselben Gründen den Fahrradhelm aufsetze, wenn ich Fahrrad fahre – obwohl es nicht Vorschrift ist, immer noch nicht… Autogurt und Fahrradhelm sind kleine, aber wirksame Schutzmaßnahmen, die ähnlich wie ein wenig Sauerteig das Ganze durchsäuern. Auch unsere Demokratie braucht heutzutage offensichtlich Schutzmaßnahmen. Und ich frage mich, wie ich für unsere Demokratie ein wenig Sauerteig sein kann, damit das Ganze unserer Gesellschaft vom Geist der Freiheit und der Würde aller durchsäuert wird. Wir Menschen brauchen offensichtlich Schutzmaßnahmen – ob im Straßenverkehr oder im gesellschaftlichen freiheitlichen Miteinander. Dass wir dem Sinn abgewinnen oder die Bedeutung dessen ermessen, dazu hilft uns das Bildwort vom Sauerteig. 

 

3.    Reich-Gottes-Logik: Augen auf für das, was wächst 

Eine dritte und letzte Reich-Gottes-Logik nenne ich: Augen auf für das, was wächst. Wenn ich das tägliche Brot genieße, denke ich nicht an den Sauerteig. Wenn ich einen groß gewachsenen Senfbaum anschaue, in dem die Vögel des Himmels nisten können, denke ich nicht an das winzig kleine Senfkorn, das jenen Baum erst wachsen ließ. Das, was ich jetzt sehe, ist ja zunächst eine Momentaufnahme: Ich sehe eben das, was und wie es jetzt ist. Was ich nicht unmittelbar sehe, ist der Prozess des Wachstums, der erst ermöglicht hat, dass ich jetzt das sehen kann, was ich jetzt sehe. Wenn ich ein Baby sehe, sehe ich einen kleinen Menschen, von dem ich weiß, dass er im Mutterschoß bereits herangewachsen ist und dass er weiter wachsen wird. Am Freitag werde ich in der  Lorenzbasilika 100 elegant gekleidete junge Frauen sehen können, die mit einem Gottesdienst den Festabend zur Verleihung ihrer Mittleren Reife beginnen. Dann werde ich versuchen, in den Gesichtern dieser jungen Menschen zu sehen, was sie bisher erlebt und geleistet haben und was aus diesem Saatkorn des Schulabschlusses wohl noch alles wachsen wird…?! Für mich ist das eine dritte Logik in der jesuanischen Reich-Gottes-Botschaft: Dass wir nämlich mehr sehen können, als wir sehen, wenn wir unsere Augen aufmachen für all das, was wächst. 

 

Ja, das Reich Gottes! Öffnen wir uns für die Reich-Gottes-Botschaft und lassen wir uns von Jesus die Logik des Reiches Gottes erklären. Dazu hat er uns heute in beiden Bildworten dreierlei gesagt: 

Das Große beginnt im Kleinen. Beispiel Mario Götze und Mutter Teresa. Erste Logik. 

Das vermeintlich Wenige durchsäuert den ganzen Teig, dient dem Ganzen. Beispiel Schutzmaßnahmen im Straßenverkehr oder für die Demokratie. Zweite Logik.  

Augen auf für das, was wächst. Beispiel Säugling oder Schulabgänger. Dritte Logik. 

Ja, diese jesuanische Logik des Reiches Gottes will mehr und mehr unser Sehen und unser Handeln prägen. Amen. 

50 Jahre

Nein, bei mir sind es erst 38, aber an diesem Sonntag, 12.07., dürfen wir in Wertach das 50-jährige Priesterjubiläum von unserem lieben Pfr. Franz Reiner feiern. Ich darf mitfeiern! Und habe dieses Wochenende mal predigtfrei ... Drum hier ein Leerzeichen ...

Entschleunigen

Predigt am 05.07.26 (A/14) in Mittelberg

Der moderne Mensch bedarf dringend der Entschleunigung. So hören und lesen wir immer wieder. Denn in der hoch technisierten und digitalisierten Welt sind wir wie in einem unaufhaltsamen Beschleunigungsmodus. Hatte ich gerade erst vernommen, was Künstliche Intelligenz ist und wozu wir die gebrauchen können, bricht sie schon ein in unsere Schulen. Wir Lehrer müssen uns schleunigst damit auseinandersetzen. Die Künstliche Intelligenz wird den Unterricht verändern viel schneller und viel mehr, wie es Beamer und Internet längst getan haben. Und ich bin überrascht, wie schnell unser Papst Leo sich in seiner jüngsten Enzyklika mit dieser neusten Entwicklung der KI intensiv auseinandersetzt und der Welt zuruft, wie wir bei aller KI menschlich bleiben und leben können ... 

Ich bin grundsätzlich aufgeschlossen für Innovationen und kann ihnen manche Vorteile abgewinnen. Aber mir geht das manchmal zu schnell. Ich habe das Gefühl, ich komme gar nicht mehr hinterher ... Aber nicht nur die technischen Entwicklungen beschleunigen unser Leben. Vieles weist darauf hin, dass der Mensch auf vielfältige Weise leidet und dem Tempo der Moderne nicht mehr standhalten kann ... 

Da trifft es doch den Nagel auf den Kopf, wenn Jesus im heutigen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium (Mt 11,25-30) genau dies thematisiert: Wir Menschen brauchen Ruhe! Wir brauchen Ruhe für unsere Seele! Was ist damit gemeint und wie können wir zu dieser Ruhe finden? 

Zunächst: Jesus ist einer, der sich für mich interessiert, der um meine gegenwärtige Lebenssituation weiß, der meine Belastungspunkte kennt und der genau spürt, wie sehr ich Ruhe brauche. Danke, Jesus! Ist es nicht gut zu wissen, dass es in Jesus jemanden gibt, der mich kennt und versteht und der mein Bedürfnis wahr- und ernst nimmt? 

Und dann: Jesus beschönigt nicht, er verharmlost nicht, er vertröstet nicht. Er klopft mir nicht auf die Schulter und sagt banal: „Das schaffst Du schon ...“ Nein. Jesus weiß, dass ich nur dann mit mir selber im Lot sein kann, wenn ich immer wieder Ruhe finde. Er weiß, dass ich auftanken muss, durchschnaufen muss, damit ich auch mit den Belastungen meines Lebens zurechtkommen kann. Ich brauche immer wieder Ruhezeiten, eine Oase, in der ich meine Last vorübergehend ablegen kann, mich regenerieren kann. Und die Älteren unter uns spüren sicherlich ähnlich wie ich: Wenn wir älter werden, brauchen wir mehr Ruhezeiten. Das ist ganz normal. Das sollten wir akzeptieren und in unserem Arbeitspensum berücksichtigen. 

Schließlich: Jesus schickt mich nicht irgendwohin an irgendeinen Ort. Er preist auch nicht irgendeine Entspannungstechnik an oder ein Mittel, das ich kaufen müsste zu meiner Beruhigung. Nein. Er bietet sich selber an. ER ist ein Rastplatz, ein Ruhekissen, ER ist die Oase, die mich wieder erfrischt, ER ist die Quelle, die mir neue Kraft schenkt. „Kommt alle zu mir!“, sagt Jesus. Jesus ist offen für alle. Jeder und jedem will er helfen, zur Ruhe zu finden. Die Frage ist manchmal nur wann: Während mein Neffe in Hessen schon eine Woche Schulferien hat, müssen wir Schüler und Lehrer in Bayern noch vier Wochen arbeiten, bis endlich die Ruhezeit der Ferien anbricht … 

Und weiter verspricht Jesus: „… ihr werdet Ruhe finden für eure Seele“. Das Wort Seele lautet im griechischen Urtext „psychä“. Das kann man übersetzen mit „Seele“, aber auch mit „Leben“. Ruhe für meine Seele – oder: Ruhe für mein Leben. Beides stimmt. Es geht also um eine Ruhe für den ganzen Menschen. Gewiss keine beklemmende Ruhe, wie wir sie vielleicht kennen, wenn wir uns einsam fühlen, keine Friedhofsruhe, die uns Angst machen kann, sondern eine innere Ruhe, eine Ruhe, die Frieden atmet und Freude, eine Ruhe, die neue Kreativität freisetzt, neuen Elan. Eine Ruhe, in der ich mir sagen darf: Es ist gut! Es ist genug! Ich darf zufrieden sein mit dem, was ich bin und was ich habe! Ich brauche nicht noch mehr besitzen, nicht noch mehr leisten und nicht noch mehr tragen. Jesus powert mich nicht aus! Er schenkt mir in der Ruhe seiner Gegenwart innere Zu-frieden-heit. In dem Wort Zufriedenheit steckt ja das Wort Frieden drin. Es geht um einen Frieden, der mir geschenkt werden will trotz meiner Belastungspunkte, trotz meiner nicht gelösten Aufgaben, trotz meiner nicht bewältigen Herausforderungen, trotz meiner Konflikte oder Krisensituationen, meiner Ängste, meiner leidvollen Erfahrungen ... 

Schätzen wir den Sonntag wieder als einen Gott geschenkten Tag der Ruhe! Überhäufen wir den Sonntag nicht mit noch so schönen Aktivitäten, sondern gönnen wir uns Ruhe für Leib und Seele. Nutzen wir jede Gelegenheit, um auf unseren Herzschlag zu hören und unseren Atem zu spüren – ob das in der Natur ist oder wenn ich vor einem Kreuz eine Kerze anzünde … 

Was hindert uns, Jesu Einladung anzunehmen? „Kommt alle zu mir! Ich will euch erquicken. Und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele“, ja für euer ganzes Leben. Ruhe finden – nicht erst dann, wenn ich so manches überwunden oder geschafft habe. Nein. Ruhe finden heute, hier, in dieser Stunde, in diesem Gottesdienst, in seiner Gegenwart, jetzt ... 

Amen. 

Jesus und mein SelbstWERT

Predigt am 27.06.2026 (A/13) in Kempten, St. Lorenz

Wir reden heute gerne vom Selbstwertgefühl. Und das hat durchaus Berechtigung. Wenn eine Persönlichkeit aus welchen Gründen auch immer ein nur schwaches Selbstwertgefühl entwickelt hat, ist sie eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, auf andere Menschen zuzugehen, andere in ihrem Anderssein zu akzeptieren, andere im eigenen Leben ankommen zu lassen. Im heutigen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium (Mt 10,37-42) geht es letztlich um diese Frage: Was bin ich wert und wie kann ich angesichts meines Selbstwertes auf andere Menschen zugehen, sie akzeptieren und in meinem Leben ankommen lassen?
 
Das heutige Evangelium kann man in zwei Abschnitte aufteilen: Der erste Teil (VV 37-39) ist das Ende eines längeren Kapitels, das in der Bibel überschrieben ist „Gefährdung und Ermutigung der Jünger“. Da erklärt Jesus in diesen abschließenden Worten dreimal nacheinander, wer seiner nicht wert ist. Da müssen wir zunächst tief durchatmen ... Wenn Eltern zu ihrem Kind sagen würden: „Wenn Du dies oder jenes nicht tust oder nicht schaffst, dann bist Du unser nicht wert …“, dann müssten wir doch diese Erziehungsmethode kritisieren; man kann doch ein Kind nicht so unter Druck setzen … Doch genau das macht Jesus anscheinend. Er nennt drei Beispiele für Menschen, die seiner nicht wert sind, und zwar jene, die Vater oder Mutter mehr lieben als ihn, jene, die Sohn oder Tochter mehr lieben als ihn, und jene, die nicht „ihr Kreuz auf sich nehmen“. Um es Jesus wert zu sein, um also unter dem Blick Jesu im Selbstwert wachsen zu dürfen, sollen wir da wirklich unsere Liebe zu Mutter und Vater, zu Sohn und Tochter der Liebe zu Jesus unterordnen? Und müssen wir immer bereit sein, „unser Kreuz“ zu tragen und dadurch Jesus nachzufolgen? Was ist denn damit gemeint? 
Ist Jesus vielleicht eifersüchtig, wenn wir Mutter, Vater, Sohn oder Tochter lieben? Oder geht es Jesus darum, dass wir bei aller intensiven Liebe zu unseren Liebsten uns nicht verlieren und innerlich frei bleiben, damit wir uns entschieden einsetzen können für das Reich Gottes? Und geht es beim Kreuztragen etwa darum, dass wir irgendwelche Leiden, die das Leben für uns bereit hält, klaglos tragen sollen – ohne zu versuchen, mit allen möglichen Mitteln auch Leid zu überwinden, letztlich aber am unabänderlichen Leid nicht zu zerbrechen? Fragen über Fragen. Da wäre noch einiges anzumerken … 
 
Aber mich reizt vor allem noch der zweite Teil des Evangeliums (VV 40-42). Der ist nämlich der Anfang eines ganz neuen Abschnitts, überschrieben „Die Aufnahme der Jünger“. Vier Mal spricht Jesus davon, dass wir jemanden aufnehmen sollen: Nicht nur die Propheten und die Gerechten sollen wir aufnehmen – also jene, die eine Vision haben vom Reich Gottes und die sich glaubwürdig dafür einsetzen, sondern wenn Jesus sagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat“, denn steckt dahinter doch diese wunderschöne tiefe und menschenfreundliche Aussage, dass Gott präsent ist in Jesus und dass Jesus präsent ist in jeder und jedem, die oder der als Jüngerin oder Jünger Jesu, als Freundin oder Freund des Reiche Gottes anklopft an meiner Lebenstür – also letztlich jede und jeder Mensch, der guten Willens ist. Hier im 10. Kapitel bei Matthäus wird schon vorbereitet die Aussage, die dann in der großen Endzeitrede Jesu im 24. Kapitel auf den Punkt gebracht wird, wenn Jesus sagt: „Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Damit wird der kleinste und schlichteste Dienst am Nächsten, die einfachste Tat der Nächstenliebe, der Zuwendung zum Bedürftigen geadelt und gewürdigt als ein kostbarer Ausdruck der Gottesliebe, ja als Anfang des Reiches Gottes! 
 
Haben wir das verinnerlicht? Würde nicht unser Umgang miteinander noch wert-voller, wenn wir uns diesen unüberbietbaren Selbst-wert schenken lassen, den Selbst-wert nämlich, dass es Gott selber ist, der bei mir Einzug hält, der Raum gewinnt in meinem Herzen, wenn ich auf jemanden zugehe in aller Offenheit, wenn ich jemanden wahr- und ernst nehme, obwohl er anders ist, vielleicht sogar befremdlich oder gar abstoßend, wenn ich dieser Haltung der unbedingten Annahme anderer immer mehr Ausdruck verleihe in meinem Alltag? 
 
Was für eine frohe Botschaft! Danke, Jesus! In Deinen Augen ist mein Selbstwert so groß, denn ich kann mit jeder Geste der Zuwendung, ich kann durch meine Haltung der Akzeptanz und der Aufnahmebereitschaft gegenüber einem jeden Menschen Dir selbst begegnen. Was könnte mehr meinen Selbst-wert stärken? 
 
Krass ist, wie sehr in der Gesellschaft, die uns Christ:innen umgibt, eine Haltung der Ausgrenzung wächst: Die sind unerwünscht. Die wollen wir nicht. Mit denen reden wir nicht ... Dahinter steht sicherlich ein Misstrauen, das für den einzelnen nicht unbegründet zu sein scheint: Die vielen Herausforderungen, vor denen die Politik und letztlich wir alle gestellt sind, lassen sich nicht einfach lösen. Das stimmt. Aber aus Angst, dass wir die Herausforderungen nicht gemeinsam bewältigen, in diese Haltung der Ausgrenzung zu rutschen, das hat bei näherem Hinsehen fatale Konsequenzen … 
 
Gewinnen wir neues Vertrauen, das letztendlich ruht im Vertrauen in Gott: Er traut uns zu, dass wir im bedürftigen Nächsten ihm selbst begegnen können – und dadurch nicht ärmer werden, sondern reicher werden: Reicher an wahrem Selbst-Wert und reicher durch unser mitwirken dürfen am Aufbau des Reiches Gottes. Denn in dem ist jede und jeder willkommen. 
Amen. 

Habe die Ehre!

Predigt am 20./21.06.2026 in Wertach, Maria Rain und Oy
 

Wenn wir uns grüßen, tun wir das ja auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ich sage zum Gruß manchmal gerne: „Habe die Ehre!“ Ja, es ist mir eine Ehre, Dich zu treffen, Dir zu begegnen! Dem anderen gegenüber Ehre auszusprechen, ist ein Ausdruck der Wertschätzung. „Habe die Ehre!“, das sagen wir ja auch zu Gott, wenn wir sonntags im Gloria singen „Ehre sei Gott in der Höhe“. Da denke ich an eine der sieben Gaben des Heiligen Geistes, die nennen wir die Ehrfurcht vor Gott. Im althochdeutschen Wort Ehrfrucht steckt ja neben der Ehre auch das Wort Furcht drin. Das ist zunächst eigenartig. Denn diese Frucht in Ehrfrucht hat ja nichts zu tun mit einer Angst. Vor Gott brauchen wir uns nicht ängstigen, aber wir sind angehalten zu einer Ehrfurcht, die als eine respektvolle Ehrerbietung verstanden werden will. 

 

1. Furcht und Glaube 

Aber ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht. Der gläubige Mensch, ist er nicht auch mit einer gewissen Furcht konfrontiert? Kennen wir im Glauben nicht doch die Furcht, Gott nicht zu genügen, den Willen Gottes ausreichend zu erfüllen, ja vielleicht sogar die Furcht, das ewige Leben zu verfehlen? Ist da nicht doch ein Rest Furcht vor Gott, der uns irgendwie unheimlich ist in seiner Größe und auch in seiner Barmherzigkeit irgendwie unberechenbar bleibt? Die Furcht vor dem Fegefeuer oder gar vor der Hölle – wie auch immer wir diese alten Begriffe heute neu definieren: Ist diese Furcht nicht immer auch Teil einer religiösen Erziehung mit der gut gemeinten Absicht, den Menschen zu motivieren, sein Leben auszurichten nach den Geboten, also das Böse zu unterlassen und das Gute zu tun? Ist die Ehrfurcht vor Gott nicht doch eine zweischneidige Sache oder zumindest eine ambivalente? 

Wie steht denn Jesus zu dieser Frage, ob wir uns fürchten müssen? Im heutigen Evangelium (Mt 10,26-33) ruft Jesus uns mehrfach auf: „Fürchtet euch nicht!“ Dieses schöne Wort „Fürchte Dich nicht!“ steht oft in der Bibel, anscheinend 365 mal, sozusagen für jeden einzelnen Tag des Jahres! Das sollte uns Grund genug sein, alle Furcht vor Gott zu überwinden. Gott will nicht gefürchtet werden, er will in Ehrfurcht geliebt werden, er will, dass wir uns ihm ganz anvertrauen. 

 

2. Glauben als Vertrauen in einen Gott, der sogar meine Haare gezählt hat 

Jesus fordert uns heute auf, den zu fürchten, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle zu stürzen vermag. Immer wieder stoßen wir auf die Realität einer bösen Macht in dieser Welt und nicht selten auch im eigenen Herzen. Auch dieses Böse ist uns letztlich fremd, wir durchschauen es nicht. Darum sollen wir achtsam sein und diesen Bösen fürchten: Nicht im Sinne einer lähmenden Furcht, sondern im Sinne einer achtsamen Furcht. Im Blick auf die Menschen sagt Jesus ausdrücklich: „Fürchtet Euch nicht!“ Und warum sollen wir die Menschen nicht fürchten, zu denen wir gesandt sind, unseren Glauben zu bezeugen? Weil Gott sogar die Haare auf meinem Kopf alle gezählt hat, sagt Jesus. Wenn das bei mir so weiter geht, dann kann ich bald sagen: Das ist ja auch nicht schwer, die Haare zu zählen, weil ich immer weniger davon habe... Spaß beiseite! Uns allen ist klar, was Jesus mit diesem Wort sagen will: Gott kennt uns doch bis ins kleinste Detail unseres Selbst! Er kennt mich besser, als ich mich selber kenne! Für mich ist es zwar unmöglich, meine eigenen Haare alle zu zählen, aber für Gott nicht. Für mich ist es zwar unmöglich, die innersten Regungen meines Herzens alle wahrzunehmen und dann noch recht zu deuten, für Gott aber nicht. Vor ihm bin ich wie ein offenes Buch! Er durchschaut mich – als einer, der mich abgründig liebt! Seine Liebe zu mir ist so groß, obwohl er mich durch und durch kennt – auch mit meinen Schwächen. Einem solchen Gott, der mich liebt und der mich bis ins Kleinste und Feinste kennt und versteht, einem solchen Gott kann ich mich grenzenlos anvertrauen. 

 

3. Furchtlos den Glauben bezeugen 

Noch vier Wochen, dann endet die Fußballweltmeisterschaft. Wir können dieser Zeit wieder erleben, welche Begeisterung der Sport in vielen Menschen auslöst. Fans jubeln und bekennen sich mit voller Überzeugung zu ihrer Fußballleidenschaft. Aber nicht nur Fans. In der Deutschen Nationalmannschaft hat sich Felix Nmecha schon öfter zu seinem Glauben bekannt. Er wolle durch sein Fußballspiel Jesus verherrlichen, hat er letzten Sonntagabend vor laufender Kamera gesagt. 

Man könnte doch fragen: Warum zeigen wir Christen nicht mehr Begeisterung für unseren Glauben? Der klare Auftrag Jesu, dass wir ihn vor den Menschen bekennen sollen, lässt uns kalt? Vielleicht fürchten wir uns sogar vor den Reaktionen mancher Leute und sind lieber still und leben unseren Glauben als unsere Privatsache. Dabei wissen wir genau: Dies ist der Anfang vom Ende… Wenn wir Christ:innen nicht wieder für unsere Überzeugung einstehen, warum uns unser Glaube wichtig ist, werden wir dann nicht zusehen müssen, wie unsere Gesellschaft bei einer weiteren Glaubensverdunstung immer größere Probleme bekommen und unsere Jugend eine Zukunft vor sich haben wird, die von immer mehr Menschenverachtung gekennzeichnet sein wird? Die Aufforderung Jesu, ihn mit einer gewissen Begeisterung vor den Menschen zu bekennen, scheint mir von höchster Aktualität zu sein. 

 

„Fürchtet euch nicht!“, sagt Jesus ausdrücklich – und das nicht nur einmal. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit, Zeugnis zu geben von unserem Gott, von einem Gott, dem wir ehrfürchtig begegnen und den wir lieben, weil wir ihm vertrauen dürfen. So haben wir doch allen Grund, jede Menschenfurcht zu überwinden und ein Stück Begeisterung aufkommen zu lassen für unseren Glauben – vielleicht sogar eine ansteckende Begeisterung? 

Amen. 

Sein Reich ist nahe

Predigt am 13./14.06.2026 (A/11) in Petersthal und Schwarzenberg

Wir sind gewohnt, dass wir immer wieder fragen nach unserer Kirche und ihrer Zukunft. Sollten wir aber nicht vielmehr fragen nach dem Reich Gottes und danach, wie es sich endlich ausbreiten kann? Denn das zentrale Thema in den Reden und Gleichnissen Jesu ist ja nicht die Kirche, sondern das Reich Gottes. Die Kirche hat ihre Existenzberechtigung in dem Maß, wie sie dem Reich Gottes dient. Und dass wir uns für das Reich Gottes einsetzen, dazu fordert uns Jesus auf im heutigen Evangelium (Mt 9,36 – 10,8). 
 
1. Jesus sieht die Müdigkeit, Erschöpfung und Verlorenheit der Menschen 
Zuerst fällt mir auf, wie Jesus die Menschen sieht. Jesus schaut hin, Jesus hat eine gute Wahrnehmung: Er hat Mitleid mit den Menschen (Mt 9,36). In Jesus ist unser Gott ein Gott, der Mitleid hat. Und warum? Er hat Mitleid, weil viele Menschen müde und erschöpft sind – wie Schafe, die keinen Hirten haben, sagt Jesus. Jesus sieht Menschen, die ohne Orientierung sind. Orientierungslosigkeit macht müde und erschöpft. Weiter unten im Text heißt es, die Apostel sollen zu den verlorenen Schafen gehen (Mt 10,6). Müdigkeit, Erschöpfung, Verlorenheit – das ist es, was Jesus damals wahrgenommen hat, wenn er sich die Menschen so ansah. Und wenn Jesus uns Menschen heute anschaut? Ist es da anders? Oder genau so? Damit beginnt Reich Gottes: Dass wir mit Jesus hinschauen und erkennen: Vielen Menschen fehlt Orientierung, sie sind müde, erschöpft und wie verloren. Vielleicht suchen sogar wir selber manchmal nach Orientierung, fühlen wir uns müde und erschöpft ... Ja, wir sehnen uns  doch nach dem Reich Gottes, nach einem Reich, in dem wir Kraft haben und Ausdauer zum Guten und eine klare Vision von einer besseren Welt … 
 
2. Jesus sendet, die er zuvor gerufen hat 
Das zweite was mir auffällt: Nach seiner Situationsanalyse fragt sich Jesus nicht: „Was mache ICH jetzt?“ Wir glauben diesen Jesus zwar als „Retter der Welt“. Jesus selbst hat das aber nicht so verstanden, dass er alleine die Welt retten muss. Jesus delegiert. Jesus bevollmächtigt. Denen, die drei Jahre mit ihm unterwegs waren und seine Jüngerschaftsschule erleben durften, denen traut Jesus viel zu. Die Konsequenz, die Jesus aus seinem Mitleid mit den müden, erschöpften und verlorenen Menschen zieht, ist diese: Er sendet (Mt 10,5). Ganz bestimmten Menschen gibt Jesus einen ganz bestimmten Auftrag. Das ist Jesu Antwort auf die Bedürftigkeit der Menschen. Er, der selbst vom Vater gesandt ist, er sendet seine Jünger. Jesus selbst hat sein gesandt sein vom Vater immer wieder erfahren in den Zeiten der Stille, in den Zeiten der betenden Verbundenheit mit seinem himmlischen Vater. Jesus hat immer wieder auf die Stimme des Vaters gehört. Im Hören auf die Stimme des Vaters hat sich Jesus seiner Sendung vergewissert. Und genau so geht es den Zwölf: Sie werden von Jesus zunächst einmal gerufen. „Er rief die Jünger zu sich“, berichtet das Evangelium (Mt 10,1). Die Jünger haben den Anruf Jesu vernommen, seine Stimme gehört, sich dieser Stimme nicht verschlossen. Einzig und allein im Hören auf die Stimme Gottes kann in mir die Gewissheit reifen, dass ich von diesem Gott in Taufe und Firmung tatsächlich auch gesandt bin – hinein in diese Welt. Weder der Katechismus noch die Predigt können das ersetzen: Wir müssen zunächst einmal Hörende sein, in uns hinein Hörende, die Stimme Gottes Hörende, damit wir den Anruf Gottes vernehmen und unser gesandt sein spüren können. 
 
3. Jesus sendet mit einem bestimmten Auftrag 
Was kann mir denn passieren, wenn ich hörend entdecke: „ICH bin kraft meiner Taufe und Firmung von Gott gesandt!“? Es kann passieren, dann mir dann bewusst wird, dass Gott einen ganz konkreten Auftrag für mich hat, den Auftrag nämlich: „Geh und verkünde: Das Himmelreich ist nahe“, wie Jesus seinen Jüngern sagt (Mt 10,7f)! Aber was heißt das? Im Evangelium konkretisiert Jesus diesen Auftrag so: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ Diese Konkretisierungen sind treffend gewesen für die Jünger zurzeit Jesu. Heute sendet uns Jesus nicht, um Aussätzige rein zu machen, sondern vielleicht dazu, um Flüchtlingen zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen oder um die vielen Formen von Rassismus und Diskriminierung in unserer modernen Welt zu überwinden helfen. „Weckt Tote auf“ könnte heute bedeuten, die Menschen mitten in der schwierigen Zeit des Krieges aus den Gräbern ihrer Angst zu locken hinein in ein Leben, das uns auch heute so viel Zukunft verheißt. Die Konkretisierungen sind also zeitgebunden. Der Grundauftrag bleibt: „Geh und verkünde: Das Himmelreich ist nahe!“ Allem Anschein zum Trotz dürfen wir davon überzeugt bleiben: Das Himmelreich ist nahe! Das Reich Gottes hat schon begonnen – dort, wo Frauen und Männer auf den Anruf Gottes hören und sich von Gott in Dienst nehmen lassen für die vielen Bedürftigen unserer Zeit ... Diese Überzeugung will uns nicht still stehen lassen – darum: „Geht!“, und will uns nicht stumm bleiben lassen – darum: „Verkündet!“ 
 
Ja, die Kirche unserer Tage gibt uns manche Fragen auf, ganz bestimmt. Wichtiger als die Frage nach der Kirche ist die Frage nach dem Reich Gottes, dem Himmelreich. Und wie geht Reich Gottes heute? Schauen wir zunächst hin mit Jesus und erkennen wir, wie viele Menschen müde, erschöpft und verloren sind, so dass auch in uns Mitleid Raum gewinnt. Lassen wir uns dann von Jesus rufen, um im Hören seiner Stimme unser gesandt sein immer neu und immer mehr zu entdecken. Und erspüren wir so den Auftrag, mit dem uns Gott ganz konkret heute in unsere Welt sendet. 
Ob uns das herausfordernd und spannend erscheint oder auch mühsam und vielleicht überfordernd: Letztlich entdecken wir genau darin unsere Würde als Getaufte. Jesus traut es uns zu: So wie er gut hinzuschauen, uns gesandt zu wissen und den Auftrag anzunehmen: „Geh und verkünde: Das Himmelreich ist nahe!“ Amen. 

Das andere Brot

Predigt zum Fronleichnamsfest, 04.06.2026, in Wertach, Mittelberg und Oy (am 07.06.2026)

Das Sortiment an Lebensmitteln, das uns in den Geschäften heute angeboten wird, ist ja von großer Reichhaltigkeit. Das ist wunderschön und nicht zuletzt Ausdruck unserer hohen Lebensqualität. Dafür sind wir dankbar. Aber diese Reichhaltigkeit stellt uns nicht zuletzt immer wieder auch vor die Qual der Wahl. Am Beispiel des Brotes, das ich für mein tägliches Leben brauche, ist das ungefähr so: Ich stehe beim Bäcker und staune über die vielen Brotsorten. Dann rattert es in meinem Hirn: kaufe ich das, das mir voraussichtlich am besten schmeckt, oder das, was am gesündesten ist, kaufe ich das, was am günstigsten ist, oder das, was sich am längsten hält? Welches Brot soll ich wählen?
Jetzt stellen Sie sich bitte vor, der Bäcker hätte eine neue Brotsorte. Auf dem Schild lesen sie den Namen dieses neuen Brotes: „Brot des ewigen Lebens“. Sie sind irritiert und fragen nach. Dann bekommen Sie die freundliche Auskunft: Ja, wer dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit. Aha. Mal ganz ehrlich: Würden Sie dieses Brot kaufen? Ja? Auch wenn es vielleicht nicht am leckersten aussieht? Oder nicht am günstigsten ist? Ein Brot, das ewiges Leben verspricht, das möchte ich wenigstens probieren ... Wenn es dieses aber nicht bei ihrem Bäcker vor Ort gäbe, sondern nur bei einem Bäcker in Kempten: Würden Sie dann nach Kempten fahren, um dort dieses Brot kaufen zu können, das Brot des ewigen Lebens?
Nun, was rede ich da ... Sie sind heute Morgen/Abend ja nicht beim Bäcker, sondern in der Kirche. Hier in der Kirche kann man kein Brot kaufen. Aber die Kirche hat ja was gemeinsam mit dem Bäcker: Es gibt Brot. Nur dass das Brot, das es in der Kirche gibt, nichts kostet. Dafür haben Sie aber keine große Auswahl. Es gibt in der Kirche nur eine Sorte Brot: Nämlich das Brot des ewigen Lebens.
Das ist doch alles ziemlich komisch, denken Sie jetzt. Aber es ist nicht nur komisch. Es ist unerhört. Es ist eigentlich skandalös. Wenn ein Bäcker behaupten würde, er könne ein Brot anbieten, bei dessen Genuss wir gleichzeitig das ewige Leben empfangen, würden wir alle sagen: Dieser Bäcker spinnt. Er ist größenwahnsinnig. Er verkauft eine Mogelpackung. Das kann nicht sein.
Nun, Jesus war kein Bäcker, aber er hat den Leuten Brot angeboten. Gerade eben: Da hatte er mit ein paar wenigen Broten Tausende satt gemacht. Offensichtlich konnte er Brot vermehren. Wunderbar! Die Leute hatten es erlebt! Erfahren! Da war kein Zweifel: Sie sind satt geworden! Gerade eben! Ganz wenige Brote hatten ganz viele satt gemacht. Wie geht denn so was? Jesus macht´s möglich ...
Und just nach diesem Wunder der Brotvermehrung nutzt Jesus die Gunst der Stunde und schwingt eine Predigt. Die Leute hatten also genug im Magen, hatten, wenn Sie so wollen, gut gefrühstückt, da kann man also mal etwas länger predigen. Denn diese Predigt Jesu war schon ein starkes Stück: Nicht nur vom Inhalt, auch von der Länge her. Nachzulesen bei Johannes im 6. Kapitel: Die Himmelsbrotrede nennen wir diese Predigt Jesu. Da geht´s zur Sache. Und Johannes ist so ehrlich, und überliefert uns nicht nur den Inhalt dieser ausführlichen Predigt, sondern zwischendurch erwähnt er auch mehrfach die Reaktionen der Hörer:innen: Die sind skeptisch. Und nicht zu begeistern. Erst murren sie, sie tuscheln also und regen sich auf: Was sagt er da? Das tut man eigentlich nicht während einer Predigt: Andächtige Zuhörer:innen tun so etwas nicht. Aber es kommt noch schlimmer: Schließlich kommen sie sogar ins Streiten, wie wir eben aus den wenigen Versen gehört haben, welche die Kirche für unseren heutigen Gottesdienst ausgewählt hat aus dieser langen Predigt (Joh 6, 51-58). Also was Jesus da behauptet, das kann man doch nicht so stehen lassen: Ist es wahr? Oder eine Lüge? Darüber stritten die Hörer:innen damals. Und ausgerechnet darüber streiten die Christen noch heute in den leider getrennten christlichen Konfessionen – Gott sei´s geklagt! Aber am Ende der Himmelsbrotrede kommt dann der große Knall: Die Leute schütteln alle den Kopf und gehen weg. Sie wenden sich von Jesus ab. „Seine Worte ist hart, wenn kann sie hören,“ sagen sie - und gehen. Das war ehrlich. Nett von Jesus, dass er vorhin noch das Brot vermehrte und uns satt gemacht hatte, aber das geht zu weit: Wer behauptet, er habe ein Brot, bei dessen Genuss wir uns das ewige Leben essen, dem können wir nicht mehr folgen. Dem kehren wir den Rücken zu. Ich finde, diese Reaktion war doch verständlich. Und konsequent. Und – wie gesagt: Sie war ehrlich!
Und wir? Wenn wir heute Fronleichnam feiern, sind wir dann auch ehrlich? Glauben wir das, was wir feiern? Oder laufen wir nur mit, weil andere mitlaufen? Weil wir uns über die Predigt Jesu vielleicht gar keine Gedanken machen? Weil wir keine Entscheidung treffen wollen? Weil es so üblich ist? Die Leute damals waren ehrlich. Für Jesus war es ein großer Misserfolg: Seine Predigt wurde nicht verstanden, wurde abgelehnt. Am Schluss steht er alleine da – fast! Bei ihm stehen noch seine zwölf Getreuen. Und dann riskiert Jesus alles und fragt auch noch diese Zwölf ausdrücklich: Wollt auch ihr weggehen? Wir halten den Atem an …
Wenn sie weggegangen wären, die Zwölf, dann gäbe es keine Bibel, kein Christentum, keine Kirche, wir hätten kein Fronleichnam … Diese Zwölf, die haben Jesus auch nicht so richtig verstanden, behaupte ich. Wie auch. Aber sie haben etwas gespürt, etwas geahnt: Wenn Jesus erklärt: Ich bin das Brot des Lebens, und wer dieses Brot isst, der wird leben in Ewigkeit, dann geht es hier offensichtlich um ein Brot, des "außer Konkurrenz" ist, ein Brot, das man nicht vergleichen kann mit dem vielen guten Brot, das uns der Bäcker anbietet. Ja, es ist ein anderes Brot, ein Brot, das verwandelt wird, konsekriert wird, damit wir uns verwandeln, damit wir Jesus aufnehmen in uns und damit uns Jesus hineinführen kann in sein österliches Leben! Leben in Fülle! Wir essen also eine ganz andere Lebens-Qualität, eine, die wir uns nicht selber kaufen oder verdienen können, sondern die Gott uns schenken will.
Dieses Brot verehren wir heute an diesem Fronleichnamstag. Nein: Wir verehren in diesem Brot unseren Jesus, der uns in diesem Brot seine lebendige Gegenwart schenkt, seine ganze Liebe und die ganze Wucht seines Lebens, ein Brot, das die Enge unser zeitliches Leben aufsprengt. Was wählen wir? Wählen wir im großen Sortiment der vielen Heilsangebote dieses Brot? Es kostet kein Geld, aber es kostet unseren Glauben, unseren ehrlichen Glauben. Den dürfen wir Jesus schenken. Er schenkt uns dafür sich selbst im Brot des ewigen Lebens. Amen.

Sturm und Feuer

Pfingstpredigt am 24.05.2026 in Wertach und Mittelberg
 

Ich bin so herrlich etabliert in meinem satten Leben. Ich habe gelernt, mich weitgehend gemütlich einzurichten im Chaos unserer Welt. Mich berührt zwar die wiederholte Warnung, wie sie Papst Franziskus formuliert hatte, die Warnung vor einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, aber brenne ich wirklich für eine gerechtere Welt, für eine Welt, in der alle Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können? 

In der Lesung haben wir eben die biblische Überlieferung gehört davon, was sich an Pfingsten ereignet hat (Apg 2,1-11). Da sendet Gott seinen Geist, und er tut es in spektakulärer Weiser: nämlich mit Sturm und mit Feuer. Das klingt für mich zunächst mal recht ungemütlich: Sturm ist nicht gut für meine Frisur und bei Feuer denke ich an die nervigen Feuerübungen, die wir in der Schule machen müssen. 

 

Ja, Sturm und Feuer können schlimmsten Falls sogar unser Leben bedrohen. Brauchen wir diesen Pfingststurm? Brauchen wir dieses Pfingstfeuer? Hätte sich Gott nichts anderes einfallen lassen können, um seinen Geist runterzuwerfen auf diese unsere Erde? Warum so sensationell? Und heute? Wenn Pfingsten nicht nur die Erinnerung ist an das, was sich vor fast 2000 Jahren ereignet hatte, wenn Pfingsten vielmehr die Chance ist, dass wir ihn hier und heute spüren wollen, diesen GottesGeist, ja dass wir sein Wirken spüren wollen, sein Wirken an uns und in uns und inmitten unserer Welt, dann frage ich mich unweigerlich: Inwieweit bin ich bereit, mich dem Sturm auszusetzen? Und dem Feuer? 

 

Sturm kann den Blütenstaub wegblasen und mit ihm so manche Staubschicht, die sich über mein Leben gelegt hat. Der Sturm will also ein starkes Bild sein für einen Geist, der mir wieder eine neue Schönheit schenken will, der mich erneuen und mein wahres Selbst wieder zum Leuchten bringen kann. 

Feuer kann das Eis zum Schmelzen bringen, das Eis der Kälte, die sich ausbreiten kann zwischen Menschen, die sich einst geliebt haben, oder zwischen Völkern, die im Krieg wie eingefroren sind. Feuer will also ein starkes Bild sein für einen Geist, der mein unterkühltes Herz erwärmen und aufbrechen kann. 

Ich mag das Pfingstfest – mit Sturm und mit Feuer! Ich mag die Vorstellung, dass Gott nicht einfach zuschaut, wie wir uns hier oft genug abstrampeln, sondern dass unser Gott ein Gott ist, der uns mit dem Pfingststurm aufrütteln und mit dem Pfingstfeuer einheizen will. Sturm und Feuer weisen mich hin auf einen GottesGeist, der kraftvoll ist und der uns zutraut (und zumutet … ), neu zu werden. „Sende aus Deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!“, singen wir. Das Antlitz der Erde wird neu, wenn wir uns erneuern lassen. Und Gott ist nicht zögerlich und nicht zimperlich, er zieht alle Register: Er schickt uns dazu seinen Geist der Erneuerung – und zwar in Sturm und in Feuer! Frohe Pfingsten! Amen.