Inmitten der Gemeinde

Predigt am 06.09.20 in St. Hedwig über Mt 18, 15-20 (A/23)
 
Die Worte Jesu, die wir gerade gehört haben, werfen mancherlei Fragen auf bzw. stellen uns vor einige Schwierigkeiten:
Zunächst geht es ja um den Umgang mit der Sünde. Damit tun sich ja viele Christen heute schwer. Es ist fast ein Tabuthema geworden. Wir reden kaum noch über die Sünde und die Auswirkungen auf unser Leben. Ständig von der Sünde zu reden, wäre das andere Extrem. Aber eigentlich ist die Sünde eine Wirklichkeit, die unser aller Leben kennzeichnet und die maßgeblich unseren Glauben prägt: Wozu ist Jesus Christus am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden? Uns zu erlösen? Wovon? Die Frage ist also nicht überholt: Was ist Sünde?
Dann erwecken die Worte Jesu den Eindruck, als wolle Jesus den Sünder bloßstellen. Die Sünde in der Beichte auszusprechen, kostet ja trotz Beichtgeheimnis schon genug Überwindung. Aber vor Zeugen und dann sogar vor der ganzen Gemeinde mit der Sünde konfrontiert zu werden, das erscheint uns unverständlich. Hier geht es nicht um irgendeine Sünde, sondern um die sogenannte „öffentliche Sünde“: Das ist ein sündhaftes Verhalten, das eine Außenwirkung hat. Da sieht Jesus offenbar die Mitverantwortung der Schwestern und Brüder, den Sünder auf seine Sünde aufmerksam zu machen, damit er sich bessern kann.
Schließlich schockiert uns, dass Jesus sagt, wir sollen den hartnäckigen Sünder, der sich nicht bekehrt, behandeln wie einen Heiden oder einen Zöllner. Abgesehen davon, dass derselbe Jesus oft genug selber auf Heiden und auf Zöllner zugegangen ist und ihnen Heil angeboten hat, was irgendwie nicht zusammenpasst, ist der Ausschluss aus der Gemeinde zu verstehen als ein Mittel, dass die Gemeinde schützen will vor der Gefahr der Ansteckung durch die Sünde. Ich würde mal sagen: ein allerletztes Mittel. Viele Heilige haben uns etwas Anderes vorgelebt: der Umgang mit hartnäckigen Sündern muss nicht meine Heiligkeit schmälern. Im Gegenteil: Wenn ich offen bin für jeden Menschen, obwohl er zutiefst bedürftig ist nach der Barmherzigkeit Gottes – und sind wir das nicht letztlich alle? –, wenn ich also für jeden Menschen offen bin und keinen ausgrenze, gerade dann erfülle ich doch das zentrale Liebesgebot.
Ich habe jetzt drei Schwierigkeiten angesprochen, die dieser Schrifttext zunächst in sich trägt. 
Der Abschnitt schließt mit dieser kraftvollen Zusage Jesu, dass er immer dann in unserer Mitte ist, wenn wir uns in seinem Namen versammeln! Aha, es geht also um unsere Gemeinschaft im Glauben! Im ersten Teil des Evangeliums hatte die Gemeinschaft eine Bedeutung für den Umgang mit der Sünde! Jetzt hat die Gemeinschaft wieder eine Bedeutung: Und zwar für die so sehr ersehnte Erfahrung der Nähe und Gegenwart Jesu! Der schwierige erste und der schöne zweite Teil des Evangeliums haben also dies gemeinsam: es geht nicht ohne die Gemeinschaft! Jesus macht sein Wirken an uns Menschen – ob im Kampf gegen die Sünde oder in der Erfahrung seiner Gegenwart – abhängig von der konkreten Gemeinschaft, in der ich als Christin und als Christ bin und lebe. Die Gemeinde ist nicht irgendein Beiwerk des Christseins, das sich vernachlässigen ließe, die Gemeinde ist wesentlicher Ort, an dem Gott wirken kann unter uns Menschen. 
Das gilt nicht nur für die Ortsgemeinde, das gilt ebenso für die große Gemeinschaft, die wir als Weltkirche sind. Dies wird nicht zuletzt deutlich, wenn wir heute einen „Weltkirchlichen Sonntag der Solidarität“ begehen. An diesem „Weltkirchlichen Sonntag der Solidarität“ sind wir aufgefordert, für die weltweit so vielen Opfer der Corona-Pandemie zu beten. Das weltweite Gebet ist Zeichen der Solidarität, ist Ausdruck unseres Vertrauens, dass Jesu heutiges Wort gilt: „Was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“ Der „Weltkirchliche Sonntag der Solidarität“ ist zugleich auch die Einladung an uns, mit einer großherzigen Spende den Kampf gegen die Pandemie zu unterstützen. Ihre heutige Sonderkollekte wird über ein Konto der Deutschen Bischofskonferenz zielgerichtet weitergeleitet. 
Unterschätzen wir nicht die Bedeutung der Gemeinschaft und der Gemeinde für uns Christen! Jesus sieht in der konkreten Gemeinde den Ort, an dem die Sünde ihre mögliche Bedrohung verlieren kann, und er sieht die Gemeinde als den Ort, an dem unser Beten kraftvoll werden will und an dem wir seine Nähe und Gegenwart erfahren dürfen. Sind wir dankbar, dass Gott uns hineingestellt hat in diese Gemeinde und sind wir sensibel für das Wirken Gottes unter uns – inmitten seiner Gemeinde. Amen.
 
 

"Herr, hilf mir!"

Predigt zu Mt 15,21-28 am 16.08.20 in St. Franziskus, Kempten

 

Wie oft bin ich schon vorbeigegangen an einer Frau oder einem Mann, der bettelnd an der Straße saß. Ihr oder sein Gesichtsausdruck war wie ein stummer Schrei: „Hilf mir!“ Ich habe mich von diesem Schrei nicht berühren lassen, habe mich taub gestellt, und so die oder den Bittenden abgewiesen.

 

So ähnlich scheint es Jesus auch zu versuchen. Er will diese heidnische Frau am liebsten abweisen. Auf ihr Flehen „Herr, hilf mir!“ gibt er keine Antwort…

Dabei ist diese Frau doch in größter Sorge um das Leben ihrer Tochter. Das wusste Jesus ganz genau. So wirft das Evangelium zunächst einige Fragen auf:

-        Warum ignoriert Jesus zunächst die Bitte dieser heidnischen Frau, während er an anderer Stelle – beispielsweise bei der Samariterin am Jakobsbrunnen – sofort zugewandt ist?

-        Welche Rolle haben in diesem Evangelium die Jünger, die Jesus drängen, der Frau doch zu helfen – offensichtlich aber nur deshalb, weil sie genervt waren vom Geschrei dieser Frau…

-        Was hat es zu bedeuten, dass Jesus an dieser Stelle so stark betont, dass seine Sendung fokussiert sei für die verlorenen Schafe des Hauses Israel? Steht das nicht im Widerspruch zum universalen Sendungsauftrag des Auferstandenen: „Geht zu allen Menschen und macht alle zu meinen Jüngern…“?

-        Warum vergleicht Jesus seine Volksgenossen mit bedürftigen Kindern, während er die Andersgläubigen mit Hunden vergleicht? Ist das nicht eine verletzende Demütigung?

-        Warum reagiert die Frau an dieser Stelle nicht beleidigt und wendet sich ab? Warum akzeptiert sie es anscheinend, in ihrer Not mit Hunden verglichen zu werden?

-        Wieso kann Jesus aufgrund dieser ausdauernden und hartnäckigen Bitte der Frau – trotz ihrer Zurückweisung – auf ihren Glauben schließen, den er als groß bezeichnet?

All diese Fragen wären es wert, darüber nachzudenken und so tiefer in dieses Evangelium einzudringen… 

 

Ich möchte Sie schlicht aufmerksam machen auf diese eine Bitte, welche die kanaanäische Frau formuliert: „Herr, hilf mir!“ Ist das nicht ein Gebet, das auch für uns immer wieder ein Kerngebet, ein Stoßgebet sein könnte in so vielen Situationen unseres Lebens: „Herr, hilf mir!“?

 

Die Frau kommt zu Jesus mit einer Bitte. Ich denke, dass diese Gebetshaltung des Bittgebetes jene ist, welche wir am häufigsten praktizieren. Wenn wir beten, dann bitten wir oft. Das dürfen wir. Ich möchte uns aber auch fragen: ist das nicht eine Einseitigkeit in unserem Gebetsleben oder sogar eine Schräglage in unserer Gebetshaltung? Ist uns bewusst, dass es sinnvoll und gut ist, Jesus immer zuerst zu danken und ihn immer zuerst zu loben, bevor wir ihn bitten? Egal ob es uns gerade gut oder weniger gut geht? Welchen Stellenwert hat das Danken und Loben in unserem Gebet?

 

Aber das hindert mich nicht, uns das Gebet der kanaanäischen Frau heute ganz besonders ans Herz zu legen: „Herr, hilf mir!“ Sie hat es gesprochen in einer Lage, aus der sie selber keinen Ausweg wusste. Die Sorge um ihre leidgequälte Tochter hat sie getrieben, im Bewusstsein ihrer eigenen Ohnmacht Jesus, den sie als Sohn Davids anspricht, so zu bitten. Tun wir uns nicht manchmal schwer, unsere eigene Ohnmacht einzugestehen und demütig zu rufen: „Herr, hilf mir!“?

 

Und noch eines finde ich bemerkenswert an der Haltung der Frau: sie hat ja nicht sofort Erfolg. Ihre Bitte um Hilfe stößt zunächst nicht auf offene Ohren bei Jesus. Sie erlebt Abwendung und Zurückweisung. All das hindert die Frau nicht, vor diesem Jesus nieder zu fallen und hartnäckig weiter zu flehen: „Herr, hilf mir!“

 

Ich wünsche mir für mein Beten etwas von dieser Demut der Frau, die ihre Ohnmacht erkennt und sich entschieden Jesus zuwendet. Und ich wünsche mir etwas von der Ausdauer dieser Frau, die nicht beim ersten Misserfolg resigniert, sondern Jesus beharrlich bittet: „Herr, hilf mir!“ Ob Jesus dann auch zu mir sagen kann: „Dein Glaube ist groß!“?

 

Was ist es, wofür ich Jesus heute bitten könnte: „Herr, hilf mir!“?

Amen.

 

 

Im Schiff der Gemeinde

 
Predigt am 09. Aug. 2020
 
Das heutige Evangelium (Mt 14,22-33) stellt mich zunächst wieder vor die schwierige Frage, was ich in der Predigt mit Euch näher betrachten möchte: einen Jesus, der die Einsamkeit des Berges aufsucht, um zu beten;
oder die Jünger, die im Boot auf stürmischer See Angst bekommen; oder einen Jesus, der auf dem Wasser gehend den Geängstigten zuruft: „Habt Vertrauen!“; oder einen Petrus, der sich von Jesu „Komm!“ auf das Wasser locken lässt; oder einen Jesus, der den Sinkenden sofort aus dem Wasser zieht; oder die Jünger, die schließlich vor Jesus niederfallen und ihn als den Sohn Gottes bekennen…? Es ist also leicht ein halbes Dutzend Predigten wert, dieses Evangelium. Mich spricht heute ganz besonders an der Blick auf jene Jünger, die im Boot sitzen und dabei von den Wellen hin und her geworfen werden…
 
1.   Gemeinsam im Boot – Weggemeinschaft und Schicksalsgemeinschaft
Ganz gerne mache ich mal eine kleine Schifffahrt auf dem Bodensee. Ansonsten habe ich mit Bootsfahren nicht viel Erfahrung. Das Boot, in dem die Jünger Jesu unterwegs waren, wird ein kleines Boot gewesen sein. Da kann man sich nicht groß bewegen. Wer in ein kleines Boot einsteigt, der ist auf Gedeih und Verderb angewiesen auf die anderen. Wer ins Boot einsteigt, der lässt sich ein auf eine Weggemeinschaft und auf eine Schicksalsgemeinschaft. Alle fahren gemeinsam ab und alle wollen gemeinsam am Ziel ankommen. Unterwegs kann niemand aussteigen oder sagen, dass er in eine andere Richtung fahren möchte. Unterwegs haben alle die gleichen Bedingungen: entweder brennt die Sonne oder es ist kalt. Damit geht es dann jedem gleich auf dieser Bootsfahrt, in dieser Weg- und Schicksalsgemeinschaft. Bei einer Busreise fühle ich mich immer so eingeengt. Ähnlich stelle ich mir das vor bei so einer Bootsfahrt... Doch wie gut, dass es die Boote gibt: Wie kämen wir sonst hinüber ans andere Ufer? Die Jünger Jesu hatten reiche Erfahrung mit den Booten. Sie machen keinen Ausflug, wie ich ihn mal im Urlaub mache, sondern sie fahren täglich mit dem Boot. Eine vertraute Situation. Sie wollen gemeinsam ans gleiche Ziel. Dafür ist das Boot ein willkommenes Mittel der Fortbewegung. Wenn man im Boot so beieinander ist, dann kann man erzählen, bei der Bootsfahrt kann die Brüderlichkeit wachsen. Ja, das Boot ermöglicht eine Weggemeinschaft, die zugleich auch Schicksalsgemeinschaft bedeutet…
 
2.   Der Gegenwind erinnert an die Unverfügbarkeit des Zieles…
Das wird vor allem dann deutlich, wenn die Bootsfahrt nicht von allen genossen werden kann, sondern wenn ein Sturm alle in Angst und Schrecken versetzt. Der Evangelist berichtet, dass das Boot der Jünger von den Wellen hin und her geworfen wurde, denn sie hatten Gegenwind. Das ist ungemütlich. Das kann Todesängste auslösen. Schwimmwesten werden die Jünger wohl keine dabei gehabt haben.
Wer von uns denkt nicht an die Frauen, Männer und Kinder, die in den letzten Jahren bei dem Versuch, über das Mittelmeer zu fliehen, ihr Leben verloren haben. Tausende sind ertrunken. Für diese Menschen auf der Flucht war die Bootsfahrt zunächst eine Weggemeinschaft: Alle hatten dasselbe Ziel vor Augen: ein besseres Leben. Doch dann wird diese Fahrt über das Meer zu einer Schicksalsgemeinschaft, die mit dem Tod endet. Gott allein weiß, welche Ängste diese Flüchtlinge durchlebt und wie sie gelitten haben, bevor das Meer sie verschlang.
Aber wieder zurück zu den Jüngern Jesu: Eine Bootsfahrt kann etwas Schönes sein, das wussten sie. Sie wussten aber auch um die Gefahr, ja um die Lebensgefahr, wenn ein Sturm das Boot hin und her wirft und das Boot alle ins Haltlose zu werfen droht… Das Ziel ist unverfügbar für die Bootsfahrenden.
 
3.   Jesu Gegenwart schenkt der Weg- und Schicksalsgemeinschaft Vertrauen
Dass diese Gefahr realistisch ist, zeigen uns nicht nur die ertrunkenen Flüchtlinge. Und diese Gefahr bleibt auch realistisch für jede und jeden, die oder der in ein Boot einsteigt. Diese Gefahr kann Jesus nicht auslöschen. Aber Jesus will angesichts dieser Gefahr die Bootsfahrenden einladen, ihm Vertrauen zu schenken. „Habt Vertrauen!“ ruft er den geängstigten Jüngern zu. Wenn wir jetzt mal von der Sonderlektion, die Petrus herausfordert, absehen: Die Gegenwart Jesu lädt ein zum Vertrauen. Beim Evangelisten Markus lesen wir, dass Jesus in dem in Seenot geratenen Boot auf einem Kissen liegt und schläft (Mk 4,38). Dieser schlafende Jesus, der weder wachsam ist noch tätig, dieser schlafende Jesus garantiert, dass das Boot nicht sinken kann. Dieser schlafende Jesu erlaubt, gelassen zu bleiben. Die Gegenwart Jesu gibt Grund, sich auch im Seesturm dem Schicksal anzuvertrauen. Vielleicht hatten auch manche Flüchtlinge dieses Vertrauen. Vertrauen ist keine Garantie, Vertrauen ist eine Hilfe zum Leben.
Mit dem Liedtext von Martin Schneider, den wir in den 70er Jahren begeistert gesungen haben, möchte ich unsere Betrachtung von der Weg- und Schicksalsgemeinschaft der bootsfahrenden Jünger abschließen:
 
Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.
 
 Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
 
 Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr,
 
 Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr.
 
 Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn?
 
 Erreicht es wohl das große Ziel? Wird es nicht untergehn?
 
 Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
 
 allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!

 
 
 Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein,
 
 sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.
 
 Ein jeder stehe, wo er steht, und tue seine Pflicht;
 
 wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht.
 
 Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammen schweißt
 

in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.
 
 Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
 
 allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!

 
 
 Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.
 
 Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
 
 Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt:
 
 Viel Freunde sind mit unterwegs auf gleichen Kurs gestellt.
 
 Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein.
 
 So läuft das Schiff nach langer Fahrt in Gottes Hafen ein.
 
 Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
 allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!
 
 

 

Lopreisen und austeilen- wider alle Bedürftigkeit

Predigt am 02.08.20 in St. Hedwig, Kempten

 

Wir alle sind bedürftig. Wir sind in vielfacher Hinsicht Bedürftige. Wir sind bedürftig nach Zuwendung und Zärtlichkeit, bedürftig nach Verständnis und Vertrauen, bedürftig nach Güte und Geborgenheit. Nicht zuletzt kennen wir die tägliche Bedürftigkeit von Durst und Hunger. Und Gott? Weiß Gott um unsere Bedürftigkeit? Und wenn Ja: Wie reagiert Er darauf?

 

1.   Die wahre Bedürftigkeit lässt sich nicht stillen mit Geld…

Der Prophet Jesaja hatte uns in der heutigen Lesung (55, 1-3) angeboten, Getreide, Wein und Milch genießen zu dürfen – auch ohne Bezahlung. Und er fragt provokant: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht?“ Das klingt doch so, als ob das, was wir mit unserem Geld einkaufen können, uns nicht wirklich satt machen kann…? Ja, die Bedürftigkeit des Menschen reicht tiefer. Ohne Geld werden wir all das bekommen, was unseren Hunger und unseren Durst stillt, sagt Jesaja. Das ist keine Anleitung zum Diebstahl im Supermarkt. Aber was ist es sonst? Bemerkenswert, dass Jesaja eine Aufforderung Gottes dreimal wiederholt: „Hört auf mich! Neigt euer Ohr mir zu! Hört, und ihr werdet leben!“ Letzten Sonntag begegneten wir dem jungen Samuel, der nur eine Bitte hatte an Gott: Die Bitte um ein hörendes Herz! Wenn wir Gott unser Ohr öffnen, dann werden wir empfangen dürfen, wonach wir bedürftig sind – und zwar gratias. Das ist die kühne Behauptung – zunächst des Alten Testamentes.

 

2.   Jesus beantwortet die Bedürftigkeit der Fünftausend mit einem Auftrag…

Und was macht Jesus? Jesus hatte Mitleid mit den vielen Menschen, die ihm nachgelaufen waren und ihn an dem einsamen Ort, an dem er gerne mal alleine gewesen wäre, aufgespürt hatten. Er heilt die Kranken. Und er hat Mitleid, berichtet der Evangelist (in Mt 14, 13-21). Jesus hat Mitleid, weil er sieht und weil er spürt, wie schwer sich viele Menschen tun mit ihrer Bedürftigkeit. Die heilsame Begegnung mit den vielen, vielen Menschen – am Schluss hören wir von 5000 Familien: So viele würden wir nicht mal auf dem Hildegardplatz [in Kempten] unterbringen, wenn wir am 03. Oktober dorthin einladen werden zur Aktion „Deutschland singt“, um für 30 Jahre wiedergewonnene Einheit in unseren Land zu danken… – diese heilsame Begegnung Jesu mit den vielen Bedürftigen dauerte bis zum Abend. Nun machen sich die Jünger Sorge um die Bedürftigkeit des zunehmenden Hungers. Darum soll Jesus die Leute wegschicken, fordern sie. Aber Jesus sagt: Nein, sie brauchen nicht wegzugehen. Und jetzt passiert, was Jesaja angekündigt hatte, dass unsere Bedürftigkeit uns zunächst mal zum Hören verleiten will. Denn die Jünger hören jetzt die Worte Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Sie hören diese Worte ihres Meisters sicherlich voll Erstaunen oder sogar mit Verständnislosigkeit. Natürlich hatten die Jünger keine Vorräte dabei, die ausreichend gewesen wären, um so viele Menschen am Abend eines langen Tages zu sättigen. Aber Jesus antwortet auf diese Bedürftigkeit mit diesem klaren Auftrag: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Er hätte ja auch sagen können: „Macht Euch doch keine Sorgen! Lasst mich mal machen! Passt gut auf: Ich wirke jetzt ein Sättigungswunder…“ Nein, das sagt Jesus nicht. Die Ohren der Jünger hören den Auftrag Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ 

Der uns allen bekannte Sieger Köder hat bei dieser Szene Jesus nicht als Hauptperson in die Mitte des nun folgenden Wunders der Brotvermehrung gezeichnet, sondern Jesus tritt völlig in den Hintergrund. Die Akteure sind seine Jünger. Sie hatten die Bedürftigkeit der Menschen wahrgenommen, sie hatten sich an Jesus gewandt, sie hatten gehört, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. All das ist wichtig. Aber noch ist davon keiner satt geworden…

 

3.   Das Wenige sättigt Viele durch Lobpreis und Teilen

Wenn jemand mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Familien satt machen kann, dann kann er das doch auch ohne diese lächerlichen Gaben… – könnte man meinen. Nein. Jesus braucht, um den Hunger der Vielen sättigen zu können, diese wenigen Gaben. „Gebt ihr ihnen zu essen!“ weist die Jünger schonungslos darauf hin, dass das, was sie haben, völlig unzureichend ist. Und doch ist das, was sie haben, die Voraussetzung dafür, dass alle satt werden können, ja dass sogar noch übrig bleibt von dem, worüber Jesus den Lobpreis gesprochen und was er dann gebrochen, also geteilt hat. Die Jünger hören! Die Jünger nehmen den Auftrag Jesu an und bringen das wenige, was sie haben! Jesus spricht den Lobpreis über dieses Wenige! Und Jesus bricht das Brot! Und keiner beschwert sich, dass auf dem Brot die Butter fehlt oder die Salami. Dieses Brot sättigt alle. Das so wenige Brot, über das der Lobpreis gesprochen und das dann geteilt wurde, dieses Brot sättigt alle…

Die Kirche von heute und noch mehr die Kirche von morgen sehe ich ganz und gar in dieser Situation der Jünger im heutigen Evangelium. Die Kirche weiß um die ungeheuer vielen Bedürftigkeiten, die wir moderne Menschen haben, die Kirche weiß um den Hunger und den Durst, der die Seelen der neuzeitlichen Menschen plagt. Und die Kirche hat angesichts dieser umwerfend großen Bedürftigkeit so herzlich wenig anzubieten: Es sind wirklich nur fünf Brote und zwei Fische, die wir haben – mehr nicht… Diese Einsicht mag schmerzlich sein, will demütig machen, aber sie ist wichtig und wesentlich. Denn nur dann, wenn wir uns bewusst sind, dass wir selber herzlich wenig anzubieten haben angesichts der so großen Bedürftigkeit der Menschen, werden wir bereit, Jesu Wort zu hören und Jesu Auftrag anzunehmen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ 

Jetzt braucht es nur noch jemanden, der über das Wenige den Lobpreis spricht und es dann bricht und teilt. Der Lobpreis! Vielleicht ist der Lobpries der Knackpunkt…?! Wir lamentieren, dass wir so wenig anzubieten haben. Nein, wir sollten nicht lamentieren. Wir dürfen lernen, für das noch so Wenige zu danken, wir dürfen lernen, mit Jesus zum Himmel aufzublicken und den Lobpreis zu sprechen – aus tiefstem Herzen. Wenn wir Gott für das noch so Wenige loben können, dann dürfen wir mutig brechen und austeilen, was wir haben. Vielleicht werden wir dann staunen, dass diese wenigen, aber vom Lobpreis gesegneten Gaben so Viele zu sättigen vermag…?! Amen.